Menschen

Das "Erlebnis" einer beidseitigen Patellarsehnenruptur

Dass ich einmal als Betroffener über eine ernsthafte Sportverletzung schreiben werde, hätte ich mir niemals träumen lassen. Bisher hatte ich immer das Gefühl, im »stealth mode« durch das Computerspiel des Lebens zu fliegen. Kleinere Wehwehchen ausgenommen. Aber was Ernstes? Bin doch robust gebaut und kein »Krischperl«, wie die Bayern schwächliche Naturen bezeichnen. Aber da hatte wohl jemand andere Pläne mit mir…

Ursache und Wirkung

Saltos habe ich in meinem Leben viel gemacht. Auf der Wiese, vom Zehn-Meter-Turm, in der Vorhalle eines Kinos in Manhattan und auch einmal vom Garagendach. Passiert ist nie etwas. Manchmal unvorteilhaft gelandet, aber mehr nicht. Diesmal, am »Donnerstag des Verderbens«, wie ich ihn nun nenne, war es anders. Zum Abschluss des Trainings ein paar Turnübungen und dann unter die Dusche. So der Plan. Leider waren die ersten Saltos in die Weichbodenmatte ziemlich dürftig, also wollte ich wenigstens den letzten Sprung perfekt machen. Also ordentlich Anlauf nehmen, kraftvoll abspringen und… Was dann kam, war kein dynamisches "In-die-Luft-federn", sondern ein Zusammensacken in die Knie und eine schmerzverzerrte Grimasse. Im ersten Augenblick dachte ich, mir hätte jemand mit einer Eisenstange auf die Knie geschlagen oder ich wäre gegen eine kniehohe Mauer gerannt. Dann kamen die Schmerzen und das Gefühl, dass hier wirklich etwas schiefgelaufen ist. Während ich mich stöhnend auf dem Boden wälzte, versuchte ich zu lokalisieren, was passiert ist. Einen bekannten Vergleich hatte ich nicht. Kann man die Knie auskugeln? Gibt es Muskelfaserrisse in diesem Bereich? Kann die Kniescheibe heraus springen? Auch meine Sportkameraden, die sich fürsorglich um mich kümmerten, konnten hier nicht helfen. Die anfangs sehr starken Schmerzen ließen glücklicherweise etwas nach, während ich auf den Krankenwagen wartete.

Röntgenbild

Niederschmetternde Diagnose

Im Krankenhaus vergingen zwei Stunden, in denen ich nassgeschwitzt auf der Barre lag. Zwischendurch immer wieder das Grübeln. Welche harmlose Diagnose könnte es geben? Es entschied mich für ausgerenkte Knie. Ich wusste zwar nicht, ob es so etwas gibt, aber die entsprechende Wunschbehandlung – Einrenken, Salbe drauf, Verband und fertig – erschien mir tragbar. Endlich der Ultraschall und Röntgen. Danach kam die faustdicke Ohrfeige, die mich komplett umhaute. Beidseitige Patellarsehnenruptur (=Riss)! Sofortige Operation notwendig, danach acht Wochen Rollstuhl, anschließend erneute Operation mit Entfernung der Stützdrähte, danach Reha. Das Sportjahr 2015 somit gelaufen. Boah! Ein kalter Eisblock machte sich in meinem Magen bemerkbar, während die Stirn fieberheiß wurde. Warum musste mir das passieren? 2015 lief sportlich so gut an. Ich hatte mein Training im Griff und große Pläne. Büro und Privatwohnung war mit funktionellen Trainingsgeräten ausgestattet und auch sonst standen die Zeichen auf Sturm. War wohl nix. Ende im Gelände. Aus die Maus. Mit diesem Gedanken quälte ich mich herum, während ich schnell noch die wichtigsten Personen über das Vorgefallene informierte.

Gedanken vor dem Traumland

Im schicken Krankenhauskittel wurde ich in die Anästhesie gefahren, während mir Schwestern und Ärzte bestätigen, wie groß mein Griff ins Klo war. Patellasehnenruptur in beiden Beinen ist wirklich selten. Ich witzelte noch, dass ich zumindest keine muskulären Dysbalancen hätte, aber mir wurde trotzdem immer mulmiger. Ich war also auf dem Weg ins Schlachthaus. In solch einem Augenblick ist man dankbar für die Phantasie, welche einem jegliche Erinnerungen an Ärzteskandale, CD-Cover mit Splatter-Motiven oder Filme (»Anatomie«) vor Augen führt. Friedrich Nietzsche hätte eine helle Freude an diesem mentalen Masochismus gehabt. Zum Glück war ich mittlerweile so kaputt, dass mir auch die Anästhesie-Vorbereitung nicht mehr viel ausmachte. Ich wollte es nur noch hinter mich bringen und endlich schlafen. Um mich abzulenken, fragte mich die Anästhesistin nach allerlei Privatem. Meine Antwort auf die letzte Frage war: »Nnnnnggggäähh«. Ich war im Traumland.

Krankenhausbett

Skalpell, Schere, Tupfer

Während ich den pharmazeutisch unterstützten Schlaf der Gerechten (und Glücklosen) schlief, operierte je ein Arzt das linke bzw. rechte Knie. Beide Patellasehnen wurden genäht und mit einer Drahtumschlingung (Cerclage) fixiert. Nach einer Stunde, so gegen nachts halb zwei, war das Ganze erledigt. Als ich im Aufwachraum wieder zu mir kam, war ich hellwach und äußerst gesprächig. Ich wurde ins Bett bugsiert, schlief wieder ein und erwachte erst am Morgen mit höllischen Schmerzen. Meine Knie brannten wie Feuer und fühlten sich an, als würden sie jede Sekunde zerbersten. Erst starke Schmerzmittel schafften Abhilfe. Langsam wurde die Welt wieder klarer und ich konnte mich mit meinem Zimmernachbarn unterhalten. Die kommenden Tage gingen schnell vorbei, auch wenn ich nachts kaum schlafen konnte, da ich mich so gut wie nicht bewegen durfte. Ich bekam starre Beinschienen, sogenannte Immobilzer und auch einen Rollstuhl. Mit dem konnte ich mich, zwar sehr umständlich und unter Schmerzen, zumindest ins Bad bugsieren. Auch war ich endlich wieder mobil. Mit T-Shirt, kurzen Hosen und sonst nackigen Beinen fuhr ich erstmal durch den ganzen Klinikflügel. Geist und Körper brauchten diese Art der Stimulation. Ansonsten gab es ja nur schlafen, essen, quatschen, lesen. Am Tag der Entlassung wurden die Wundnähte noch einmal geprüft, ich bekam meinen an mich angepassten Rollstuhl und der Krankentransport fuhr mich heim. Endlich.

Wunde

Erste Hindernisse im gewohnten Umfeld

Zu Hause angekommen, machte sich schnell Ernüchterung breit. Trotz großzügiger Platzverhältnisse wohne ich nicht in einem behindertengerechten Krankenhaus. Mit ausgestreckten Beinen war ich mit meinem Rollstuhl ein ziemlich sperriges Gefährt und somit blieben mir Küche, Bad und WC tabu. Das war ein ziemlicher Dämpfer, hatte ich mich doch so auf Zuhause gefreut. Aber meine Lebensgefährtin und meine kleine Tochter kümmerten sich perfekt um mich und ich legte die düsteren Gedanken schnell beiseite. Am darauffolgenden Morgen probierte ich, ob es möglich sei, mich im Sitzen mit den Händen über den Boden zu schleifen. Es funktionierte, ich hatte gleich eine Trainingseinheit gefunden und mir den Zugang zu Bad und WC erkämpft. Strike! Nach diesem Triumph ordnete ich mir auf dem Bett einen kleinen Schreibtisch an und machte mich an die Restarbeiten der vorliegenden PULSTREIBER-Ausgabe. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Aber ich kam voran. Weniger erbaulich die Telefonate mit der Krankenversicherung, die sich wegen einiger Kosten querstellte. Aber was soll´s. Schlechte Laune – ich? Von wegen. Ich hatte genug anderes zu tun als mich zu ärgern.

Rollstuhl

Der neue Alltag

Der Tag eines Rollstuhlfahrers geht relativ schnell vorbei. Alles dauert länger und viele Kleinigkeiten werden viel mehr zelebriert und genossen. Eine Ausfahrt ins Freie, eine Bockwurst, Anrufe und Besuche von Freunden, die tägliche Thrombosespritze… Auch sportlich habe ich zumindest ein bisschen was probiert. Zugübungen mit dem Deuserband, ein paar Dehnübungen für die Waden und Schulterdrücken mit meinen geliebten Kettlebells. Trotzdem gab und gibt es viele nervende Probleme, die man auf den ersten Blick nicht erwartet hätte. Die Füße sind aufgrund schlechter Durchblutung schnell eiskalt, die Hygiene ist schwerer zu bewerkstelligen, nachts wacht man oft auf, durch das dauernde Liegen oder Sitzen werden Fersen und Gesäß wund. Man kann sich selber nicht versorgen, fühlt sich eingeengt, ist ständig auf Hilfe angewiesen und auch sonst hat man das Gefühl, die bekannte Welt dreht sich ohne einen selbst weiter. Auch die Beinmuskeln schrumpfen täglich. Wahrscheinlich wird mich nach der Genesung jeder fragen, ob ich mit einem Storch gepokert und die Beine gewonnen habe.

Zu Hause

Die neue Sichtweise: Dankbar und flexibel bleiben

Viele werden sich fragen, wie man diese Bewegungsunfähigkeit und Monotonie aushält, wenn man vorher fast jeden Tag Sport getrieben hat und auch sonst ein Mensch der Freiheit war. Zum Glück ist das menschliche Individuum erstaunlich anpassungsfähig. Fast drei Monate nicht laufen zu können, ist bitter, aber es ist zurzeit eine unverrückbare Realität. Dinge, die ich nicht ändern kann, dürfen mich nicht belasten. In dieser Phase hinterfragt man viel, aber es ist kein depressives Selbstbemitleiden. Eher eine Verschiebung der Perspektiven. Der Wegfall von Freiheit führt zu einem stärkeren Fokus auf das, was man trotzdem hat, aber auch zu einer Wertschätzung dessen, was man sonst als selbstverständlich hinnimmt. Hier setzt die Dankbarkeit ein. Auch die eigene Unverwundbarkeit stellt man in Frage. Es trifft eben nicht nur die Anderen. Das Leben geht weiter, so abgedroschen es auch klingt. Ich muss die verordnete Schonung akzeptieren und die kommenden Rehamaßnahmen diszipliniert und motiviert durchziehen. Irgendwann werde ich wieder beweglich sein und Sport treiben können. Nicht jeder, der an den Rollstuhl gefesselt ist, hat diese Aussicht.

Kniebeuge

Zwei Jahre später...

Trotz allem Optimismus hatte ich doch meine Zweifel, ob ich wieder "der Alte" werde. Dazu waren die Prognosen der Ärzte doch zu negativ. Aber ein echter Sportler gibt nicht auf. Nachdem ich relativ schnell wieder mit Krücken laufen konnte, habe ich zweimal pro Woche einen Physiotherapeuten besucht, mir nach vier Wochen aber selbst einen Therapieplan geschrieben und vorsichtig trainiert (sehr viel auf dem Trampolin und dem Wackelbrett). Nach zwei Monaten konnte ich wieder Sport treiben, allerdings war ich sehr vorsichtig, mich nicht durch Übermut zu überlasten. Gerade beim Krafttraining musste ich mich sehr bremsen, konnte dadurch aber stetige Fortschritte verzeichnen.

Nun, rund zwei Jahre danach, kann ich sagen, dass ich sogar stärker als zuvor bin. Im Kniebereich fühlt es sich zwar nicht mehr so elastisch an wie früher, aber ich funktioniere und habe keine Beschwerden. Ich habe mir lange überlegt, ob ich dies den pessimistischen Ärzten zukommen lasse, aber was soll´s. Sie haben handwerklich einen sehr guten Job gemacht. Was danach kam, war mein Job und ich denke, den habe ich auch nicht schlecht gemacht. So steht es auch in der Bibel (Markus 9, 23): "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt."

Fotos: Privat

06. März 2015

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