Menschen

Über das Leben nach dem Leistungssport

Julia Mächtig

An der Spitze stehen ist immer noch zu weit hinten. Nach dieser Maxime denkt, fühlt und handelt man als Leistungssportler. Der Focus liegt in der Gegenwart, auf Erfolg und Leistung. Viel zu oft wird leider vergessen, dass es auch ein Leben nach dem Sport gibt. Persönliche Umstände, Verletzungen oder mangelnde Leistung können schneller zum Karriereende führen, als man denkt. In jedem Fall ist irgendwann auch mal altersbedingt Schluss. In jedem Fall muss der Sportler sich darüber im Klaren sein, dass er höchstwahrscheinlich nicht sein ganzes Leben vom Sport leben kann. Leider ist es immer noch die traurige Realität, dass die meisten Aktiven sich dessen nicht bewusst sind und es den meisten Vereinen schlicht und einfach egal ist. Was zählt, sind Punkt, Titel und Platzierung, wobei das Einzelschicksal eine untergeordnete Rolle spielt. Zu viele erfolgreiche Sportler haben zum Laufbahnende das böse Erwachen erlebt, da ihnen die Regeln des Berufslebens schlicht und einfach unbekannt waren. Mit einer zu Jugendzeiten absolvierten Alibi-Ausbildung und null Berufserfahrung kommt man heutzutage nicht mehr weiter. Negativbeispiele dieser Art gibt es genug, aber PULSTREIBER wollte wissen, ob es auch anders, besser geht. Dazu haben wir uns je ein positives Beispiel aus dem Einzelsport und aus dem Mannschaftssport vorgenommen.

Julia Mächtig (Foto) ist eine international erfolgreiche Leichtathletin von Format. Sie dient bei der Bundeswehr in der Sportfördergruppe Frankfurt-Oder. Ihre Leben nach dem Sport hat sie nie aus den Augen verloren. Mit dem berufsbegleitenden Fernstudium Bachelor Sportmangement (B.A.) bereitet sich die erfolgreiche Siebenkämpferin auf ihre Management-Karriere nach der Sportler-Laufbahn vor. „Das Fernstudium bietet mir den kompletten Überblickund das Wissen, um auch nach der Profi-Karriereweiterhin im Sport tätig zu sein“, sagt die Olympionikin, die zurzeit im dritten Semester studiert. „Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, bei der ich das Studium mit dem Sport optimal verbinden kann“, erklärt Mächtig, die am Olympiastützpunkt Mecklenburg-Vorpommern trainiert. „Gerade für mich als Leistungssportlerin sind die Selbststudienphasen und individuellen Prüfungstermine eine enorm große Hilfe, denn das Training und die vielen Wettkämpfe spannen mich zeitlich sehr ein. Ohne die flexiblen Lernphasen, wäre es nicht möglich, ein Studium neben dem Sport zu absolvieren.“ Julia Mächtig hat für sich aus eigenem Antrieb eine Entscheidung getroffen, was jedoch nicht jedem Sportler leicht fällt. Oft fällt es einfach an der nötigen Zeit und auch ein bisschen „Lebenserfahrung“, um die eigenen Stärken und Interessen auf die Berufswahl abzustimmen. Mit dieser Thematik hat sich Anke Baron, Dipl. Soziologin und ehemalige Volleyballerin beschäftigt.

Anke Baron ist verantwortliche Personalberaterin der BaronGeisler Management GmbH und weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, Leistungssport und Berufsausbildung bzw. Studium unter einen Hut zu bringen. Seit einigen Jahren berät sie Vereine in Bezug auf die Möglichkeiten, die eigenen Spieler auf eine Duale Karriere vorzubereiten. Dies funktioniert nur dann, wenn zwischen Verantwortlichen des Vereins, Trainern, Sportlern und dem beratenden Unternehmen eine enge Zusammenarbeit gelebt wird. Auch eine enge Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und den Sponsoren ist unabdingbar, um Konzepte auch in die Praxis umzusetzen. Auf den ersten Blick klingt dies nach zusätzlicher Arbeit für den Verein, aber die Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen, denn in im professionellen Spielbetrieb gelten dieselben Regeln, wie in der freien Wirtschaft. Wer ein attraktiver Arbeitgeber sein will, muss auch attraktive Angebote bieten. Sonst wird sich die spielerische Elite eben doch woanders orientieren. Ein Verein, der dieses Konzept in Reinform umsetzt, ist der Volleyball-Erstligist VC Dresden. BaronGeisler betreut den Verein bereits seit zwei Jahren und die Erfahrungen sind durchweg positiv. Jan Pretscheck, Geschäftsführer der Volleyball Club Dresden Spielbetriebs GmbH, ist von diesem Konzept überzeugt und sieht darin einen großen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und sportlicher Fairness: „Wir, der VC Dresden, stellen für unsere Bundesligamannschaft das System Duale Karriere bereit, damit unsere Spieler parallel zu ihrer täglichen sportlichen Verpflichtung auch sinnvoll ihre berufliche Entwicklung und Perspektive gestalten können. Uns ist es sehr wichtig, dass unsere Spieler Verantwortung für sich, ihren Leistungssport und für ihren Beruf übernehmen können. In Zusammenarbeit mit unseren Sponsoren werden wir weitere Strukturen schaffen, damit dieses System ausgebaut und zu einem der zukünftigen Erfolgsgaranten des VC Dresden werden kann“.

Die beiden genannten Beispiele zeigen, dass auch im Leistungssport ein Umdenken stattfindet. Nicht nur im Kopf der Sportler selbst, sondern auch bei den Vereinen. Diese haben teilweise bereits erkannt haben, dass sie nicht nur ihren Zuschauern und Sponsoren, sondern auch ihren Leistungsträgern eine Verantwortung schuldig sind. Und dies bedeutet eben nicht, dass man dem Sportler einfach nur eine Ausbildung oder ein Halbtagsjob bei einem Sponsor vermittelt. Hier ist Kommunikation und Planung gefragt. Nur mit einem tragfähigen Konzept lässt sich gewährleisten, dass der Leistungssport weiterhin attraktiv bleibt und langfristig keine gescheiterten Existenzen produziert.

Anmerkung: Der VC Dresden hat sich zwischenzeitlich aus dem Spielbetrieb in der 1. Bundesliga zurückgezogen. Der Notwendigkeit des genannten Ansatzes tut dies jedoch keinen Abbruch.

Foto: WINGS - Wismar International Graduation Services GmbH

10. März 2016

Weitere Beiträge zu diesen Themen

Zurück

Weitere Artikel aus dem Bereich Menschen

Zu schwul für die Kreisliga? Homosexualität im Sport

mehr lesen >>

Indi Cowie - Mit Ballkontrolle zu Weltrekorden

mehr lesen >>

Interview: Matthias Dolderer

mehr lesen >>

Interview: Pauline Schäfer

mehr lesen >>

Bushcrafting - Ich bin draußen!

mehr lesen >>