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Als Industriekletterer ist Routine der Tod!

Industriekletterer

Routine ist der Tod! Dieses Motto gilt für gefährliche Berufe, auch für den des Industriekletterers oder Höhenarbeiters. »Kein Arbeitsplatz gleicht dem anderen. Jedes Gebäude, jede Baustelle, jeder Fels muss neu beurteilt werden, bevor es an die Arbeit geht. Scharfe Kanten, Stromleitungen, Wind und Wetter sind beeinflussende Faktoren, die es zu berechnen gilt.« Thomas Stöhr weiß wovon er spricht. Seit vielen Jahren ist er als selbstständiger Industriekletterer in der ganzen Welt unterwegs. Stadiondächer in Frankreich und Südafrika, Denkmalaufbau in Norwegen, Kletterparkbau in Österreich, Fassadenreinigung und Bergsicherung im Schwarzwald – für den 43-Jährigen ist keine Baustelle wie die andere. »In der Höhe arbeitet man nicht übereinander, denn wenn Werkzeug oder Material fallen gelassen wird, kann das fatale Folgen für den Kollegen unter dir haben«, sagt der Sachse.

Sportklettern von Vorteil?

Der sportliche Aspekt liegt nahe, aber vielleicht anders, als es den Anschein hat. Erfahrungen im Klettersport sind zwar von Vorteil, aber nicht notwendig. Es gibt sogar Höhenarbeiter, die mit dem Sportklettern gar keinen Kontakt haben.Während beim Sportklettern das Seil nur als Sicherung genutzt wird und sich der Sportler aus eigener Kraft an der Wand nach oben bewegt, verhält es sich beim Industrieklettern ganz anders. Hier dient das Seil neben der Sicherung vor allem zum Auf- und Abstieg. »Immer zwei Seile – ein Arbeitsseil und ein Sicherungsseil – gehören an den Mann. Dabei wird zwei- bis dreimal abgesichert. Gute körperliche Fitness ist aber in jedem Fall gefragt. Die Kraft wird vor allem beim Abstützen und beim Transport der Arbeitsmittel und Werkzeuge benötigt.« Maschinen bis 300 Kilo werden teilweise von mehreren Arbeitern gemeinsam in der Höhe transportiert. Pumpgerät und fünf Liter Wasser haben manche Höhenarbeiter am Gurt hängen, wenn sie sich vom Dach eines Hauses abseilen, um die Fassade zu reinigen. »Wenn du, im Seil hängend, 20 Fenster mit dem Arm über Kopfhöhe gereinigt hast, weißt du, was du gemacht hast«, weiß Thomas Stöhr zu berichten. Hier helfen spezielle Arbeitssitze, damit man nicht über eine längere Dauer im Gurt hängt.

Ein Knochenjob

Moderne Gebäude haben Fixpunkte zur Befestigung auf dem Dach bauseitig vorgesehen. Am Hang oder an einer alten Burg sieht das schon anders aus. Dort müssen die Arbeiter Bäume oder festes Gestein für die Fixpunkte suchen, um sich abzusichern. Zudem besteht Gefahr von herabstürzenden Steinen, die teilweise von Gämsen losgetreten werden können. Für Sandstrahl- und Baumarbeiten benutzt man Stahlkernseile, weil Schergefahr besteht. Für solche Arbeiten werden gesonderte Qualifikationen verlangt. »Bei der Bergsicherung bohren wir bis zu sieben Meter lange Löcher für die Stahlanker in den Felsen. Das dauert eine Weile. In dieser Zeit wird der gesamte Körper maximal beansprucht – ein Knochenjob.« Pausen und Maximaldauer müssen genau eingehalten werden. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, auch zur Erholung der Muskulatur.

Fotos: Thomas Stöhr, Privat

19. Oktober 2015

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