Menschen

Mit dem Handball zurück in die DDR-Vergangenheit

Wenn ich mir heutzutage ein Handballspiel anschauen, wundere ich mich immer wieder, wie athletisch dieser Sport mittlerweile geworden ist. Auch das Equipment, wie z.B. Handballschuhe und Bälle haben sich extrem verändert. Darüber grübelnd sind mir meine eigenen Erinnerungen ins Bewusstsein aufgestiegen, die mit meiner Liebe zum Handball zu tun hatten. Ich denke zurück und bin noch einmal ein kleiner Schuljunge…

Mein Vater war Handballer und auch in unserer Schule in Dresden-Leuben war Handball die angesagte Sportart. Also habe ich mich als 10-Jähriger für den Handballsport entschieden. Fast zeitgleich suchte der SC Einheit Dresden über ein Zeitungsinserat Talente für Kunstspringen. Meine Mutter hätte mich gern in einer Einzelsportart auf dem Siegerpodest gesehen und ich selbst wahrscheinlich auch. Beim Springen habe ich dann wohl zu wenig auf den künstlerischen Aspekt geachtet, denn die Kunstspringer sahen mich bei den Wasserballern besser aufgehoben. Tatsächlich habe ich dann eine zeitlang parallel Handball und Wasserball als aktiven Sport betrieben.

Horst Mothes

Von der Faszination für Pferde zum Handball

Bedeutender als die Begegnungen mit dem nassen Element war der erste Besuch auf der Pferderennbahn in Reick. Der hat mich so begeistert, dass ich fortan sehr oft dort war, auch dann, wenn keine Rennen stattfanden. Der damalige Trainer vom Rennstall Lehn, Hans Gröschel, hat mich einem Verantwortlichen vom Reitverein Pillnitz vorgestellt und so bin ich zum Reiten gekommen. Alles was mit dem Sport, den Pferden und dem gesamten Umfeld zusammenhing hat mich fasziniert. Handball und Reiten haben mich damals gleichermaßen in den Bann gezogen. Letztendlich war der Reitsport trotzdem nur eine Episode, denn handballerisch wurde es immer interessanter. Es ging zu Turnieren in andere Städte und mit der Kreis- und Bezirkauswahl in Trainingslager. Alles wurde ein bisschen größer, ich lernte Spieler aus anderen Vereinen und aus anderen Bezirken kennen.

Horst Mothes

Allein im Zug und erste Titel

Die tiefste Gedächtnisspur stammt vom 2. April 1967. Damals bin ich mit dem Abendzug von Dresden nach Berlin gefahren, wo mich etwas Neues und Spannendes erwartete. Ich war von  der SG Dynamo Dresden Nord-West zum SC Dynamo Berlin „delegiert“ worden. Während der Fahrt war mein Enthusiasmus der Vortage in den Keller gerutscht. Natürlich wollte ich im Sport hoch hinaus, was in der Kombination Handball und Dresden nicht möglich war, doch nun im dunklen Zugabteil kamen mir die Emotionen hoch, die damit verbunden waren. Denn meine Eltern, meinen Bruder, meine Freunde und mein Dresden würde ich ab jetzt nur noch selten sehen. Die Tage vor und nach diesem Datum waren für mich auch in sportlicher Hinsicht bemerkenswert. Genau vor einer Woche war ich in Magdeburg mit der A-Jugend der Dresdner Dynamo’s DDR-Vizemeister geworden. Als noch B-Jugendlicher spielte ich in der höheren Altersklasse. Drei Wochen nach dieser Meisterschaft fand die der B-Jugend in Leipzig statt. Diesmal war ich im Dress des SC Dynamo Berlin und wir wurden DDR-Meister.

Horst Mothes

Im Internat

Aber kommen wir zurück zu meiner Internatszeit. Das Dynamo-Internat befand sich direkt im Sportforum Berlin. Fast alle olympischen Sportarten waren dort angesiedelt und überall waren Weltklasseleute anzutreffen. In einem solchen Umfeld kann man gar nicht anders, als auch an die Spitze zu wollen. Letzten Endes ist mir das nicht vollends gelungen. Über Jugend- und Juniorenauswahl habe ich es bis in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gebracht. Dort hatte ich allerdings nur Einsätze in der 2. Mannschaft, die bei Länderturnieren zum Einsatz kam, wenn der DHV Gastgeber war. Nach einer Schulterverletzung war der Leistungssport für mich leider noch vor der WM 1974 in Berlin passé. Ein trauriger Abschluss meiner Handball-Karriere, den ich mir gerne anders vorgestellt hätte.

Horst Mothes

Erinnerungen an Spartakiaden und Turniere

Neben diesen Ereignissen mit vorwiegend persönlichem Bezug gibt es auch noch einige erinnerungswürdige ganz allgemeiner Art. Dazu zählen die Kinder- und Jugendspartakiaden. Das waren Sportfeste wie Olympische Spiele im Kleinen. Auch hier war bereits die Teilnahme ein Erfolg. Nicht nur, aber auch weil ich mit der Berliner Auswahl Spartakiadesieger geworden bin, erinnere ich mich besonders gern daran. Aus der Zeit als ich dann in der Männermannschaft spielte, ist mir etwas eher Nebensächliches im Gedächtnis hängen geblieben. Bei unseren Auswärtsspielen waren die gegnerischen Hallen voll, bei unseren Heimspielen dagegen war die Mehrzahl der Plätze meistens frei. Doch bei einem Termin im Jahr war die Halle garantiert ausverkauft – beim Neujahrsturnier. Obwohl es für uns Spieler nicht die Art Jahreswechsel war, wie ihn die meisten veranstalteten, hat uns das Turnier Spaß gemacht, weil es ein ganz besonderes Flair hatte. Sogar das Fernsehen war dann regelmäßig da.

Handball im Wandel der Zeit

Heute sehe ich mir Handball vorwiegend auf dem Bildschirm an. Vieles hat sich geändert. Das Spiel ist noch schneller und die Spieler sind größer geworden. Zu meiner Zeit war Axel Kählert aus Leipzig der einzige Zwei-Meter-Mann, heute kommt man mit dem Zählen der Riesen gar nicht nach. Noch drastischer als Spiel und Spieler hat sich allerdings die Begeisterung für diese Sportart und die Präsenz in den Medien entwickelt. Als Sportler braucht man solchen Rückhalt, denn früher wie heute sind selbst bei einem erfolgreichen Sportler die Momente des Erfolges in kläglicher Minderheit zu den Quälereien des Trainings, der Niederlagen oder gar Verletzungen. Beim Sport ist tatsächlich der Weg das Ziel und in einer Mannschaftssportart ist die Kombination von Wettkampf und Gemeinschaft ein Spaß der kaum zu überbieten ist.

Man trifft sich wieder

Der Spaß kann durchaus so eine Nachwirkung haben, dass manch einer den Versuch macht, ihn wieder aufleben zu lassen. Die Zeit kann freilich kein Mensch zurückdrehen. Sie vergeht und mit den Jahren haben sich die Bindungen zu den sportlichen Weggefährten von damals größtenteils gelöst oder zumindest abgeschwächt. Doch seit 2008 treffen sich die Handballer des SC Dynamo Berlin jeden letzten Freitag des Februar. Dann sind die meisten da, die seit Gründung des Clubs bis zu dessen Ende dazugehörten. Auch sehr viele, die früher Dresdner waren, kommen da zusammen. Es wird über Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen geplaudert und man staunt, welche nachsportliche Entwicklung der eine oder andere genommen hat. Solche Treffen sind kein Sport, aber sie gehören zum Wesen des Sportes und Spaß machen sie allemal.

Über den Autor
Der gebürtige Dresdner wuchs in Dresden-Leuben auf und begann dort mit dem Handball. In seiner aktiven Zeit wurde er mit seiner Mannschaft 2x DDR Meister und 1x DDR Vizemeister. Für die Männerauswahl absolvierte er 6 Länderspiele im Dress der DDR-Auswahl. Seit 1989 lebt der 63-jährige mit seiner Familie im oberfränkischen Selb, wo er auch in den frühen 90er Jahren als Spieler und Trainer aktiv war. Der studierte Elektrotechniker arbeitet als REFA-Techniker bei der BHS tabletop AG, dem Weltmarktführer für Hotel-Porzellan. Seine Heimat hat er nie vergessen und so ziehen ihn seine sächsischen Wurzeln auch des Öfteren zu Besuchen nach Dresden.

Fotos: Privat

16. März 2015

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