Menschen

Mit dem geschweißten Tandem von Rochlitz bis Zinnowitz

Ein Erlebnisbericht von Benedict Niemann (Autor) und Hans-Georg Reichel

Tandem

Wir starteten am Samstagmorgen unsere Reise ohne geplante Strecke und Ankunftstorten, aber mit dem Ziel die Strecke in vier Tagen zu meistern. Als Gefährt wählten wir ein 33 Jahre altes, aus zwei Fahrrädern geschweißtes, Tandem. Wir wollten nicht nur beweisen, dass man mit einem Rad Marke Eigenbau die 600 km an die Ostsee fahren kann, sondern dies auch ohne technische Hilfe (Smartphones, Google Maps). Nur wir, das Tandem und eine gehörige Portion Durchhaltevermögen.

Am ersten Tag folgten wir über Colditz der Mulde nach Grimma und Wurzen. Mit Orientierungsproblemen kamen wir nach dem Mittag aus Wurzen heraus und wieder auf den Mulderadweg. Nördlich von Eilenburg ging es mit der Fähre über die Mulde nach Bad Düben. Es folgten lange Stunden, die ein erster Härtetest waren. Die 100 km hatten wir bis dahin schon geknackt. Am Muldestausee bekamen wir den Tipp nach Gröbern zu fahren, da es dort günstige Übernachtungen gäbe. Dahin machten wir uns auf den Weg, der durch Regen, Nahrungs- und Wasserknappheit alles andere als angenehm war. In Gröbern gab es nach kurzer Suche eine kostenlose Schlafgelegenheit, woraufhin wir beschlossen, die erste Etappe zu beenden und unsere Kräfte aufzutanken, auch wenn wir rund 40 km vor unserem Tagesziel geblieben sind.

Die erste Hürde am zweiten Tag war es, einen Radweg zu finden, der bis nach Berlin führt. Durch Anwohner fanden wir heraus, dass er über Gräfenhainichen nach Wittenberg führt. Die ersten 20 km liefen nicht ansatzweise so rund, wie wir es uns vorgestellt hatten. Trotz bequemer Sättel und Radhosen schmerzte alles. Nach einem kurzen Stopp konnte dies durch Handtücher ein wenig gemindert werden und wir schafften es schnell in die Lutherstadt. In Wittenberg entdeckten wir ein Schild, das den Europaradweg auswies. Mit der Gewissheit auf dem richtigen Weg zu sein, trieb es uns wie im Flug bis an die Grenze Brandenburgs. Leider stellte sich heraus, dass wir 20 km von unserer Route abgekommen waren. Mit dem verfehlten Ziel des Vortages im Rücken schafften wir es, den Umweg herauszufahren und nach Potsdam zu gelangen. Nach 170 km am zweiten Tag übernachteten wir in einer Jugendherberge. Mit einer wohltuenden Dusche und einem Stadtbummel durch Potsdam wurde der Sonntag erfolgreich beendet.

Am dritten Tag nahmen wir den Wannsee in Angriff, denn da sollten wir den Europaradweg wiederfinden. Über den Kronprinzessinenweg ging es entspannt durch den Grunewald nach Berlin. Vorbei an der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor. Ab der Prenzlauer Allee ging es durch die Gartenanlagen im Norden Berlins über äußerst schlechte Wege bis nach Bernau. Mit deutlich mehr als 150 km und nun mehr als 450 km »auf der Uhr« beschlossen wir, bei einer älteren Dame Rast zu machen, die Essen und Trinken an Radfahrer verkaufte. Sie empfahl uns noch bis Prenzlau zu fahren, da wir den Rest der Strecke sonst nicht an einem Tag schaffen würden. Obwohl uns die Uckermark fast zermürbt hatte, konnten wir uns aufrappeln und fuhren bis 22 Uhr durch, bis wir schließlich an einem Rastplatz aßen, bevor wir uns auf die Suche nach einem Nachtquartier machten und dies in Schönwerder auch fanden.

Nach fürchterlichen Straßen bis Pasewalk gab das Kopfsteinpflaster am vierten Tag unserem Tandem den Rest. Eine Speiche war herausgebrochen. Entschlossen trieb es uns mit Regenpausen, einer zweiten kaputten Speiche und unterirdischen Radwegen bis nach Anklam, wo wir einen Radladen fanden, der uns neue Speichen einspannte. Erleichtert nahmen wir Usedom in Angriff. Wir kamen gut auf die Insel und folgten dem Radweg, der allerdings einen Bogen über die ganze Halbinsel macht und nicht direkt nach Zinnowitz führt. In Ahlbeck die Erlösung: das Meer! Wie in Trance glitten wir über die Promenade und über Waldwege, die uns an der Küste entlangführen. Da die Sonne mittlerweile untergegangen war, leuchtete ich von hinten, damit mein Steuermann etwas sehen konnte. Mit schleifenden Hinterrad kamen wir Schlag zehn in Zinnowtiz an. Wir sahen die Seebrücke und trafen unsere Freunde. Wir schafften unser Tandem ins Haus und gingen mit schweren Beinen, aber stolzer Brust in die Ostsee, um die Wunden zu kühlen, die verdreckten Hände zu waschen und zu realisieren, dass wir unser Ziel erreicht haben. Mit 666 km auf dem Tacho haben wir es in vier Tagen von Rochlitz bis nach Zinnowitz geschafft. Wir standen schweigend in der Ostsee und dankten allen, die uns auf dem Weg geholfen haben und auch denen, die uns mit den Worten »Ihr seid doch verrückt« verabschiedet haben. Denn eins ist Fakt: Sie lagen damit komplett richtig!

Fotos: Privat

09. September 2015

Weitere Beiträge zu diesen Themen

Zurück

Weitere Artikel aus dem Bereich Menschen

Zu schwul für die Kreisliga? Homosexualität im Sport

mehr lesen >>

Indi Cowie - Mit Ballkontrolle zu Weltrekorden

mehr lesen >>

Interview: Matthias Dolderer

mehr lesen >>

Interview: Pauline Schäfer

mehr lesen >>

Bushcrafting - Ich bin draußen!

mehr lesen >>