Menschen

Kopfüber ins Nichts: Mein erster Fallschirmsprung

Die Luke der „Pilatus Porter“ öffnet sich und das Getöse des hereinströmenden Windes verursacht eine bedrohliche Atmosphäre. Mir wird signalisiert: Du bist dran! Auf allen Vieren krieche ich nach vorn, um zum Ausstieg zu gelangen. Ich halte mich an der Türleiste fest und klettere mit den Füßen auf die seitliche Reeling. Eng neben mir meine beiden „Flugbegleiter“ Tibor und Jörg. Ich stehe schon mal, aber der starke Wind drückt mich fast wieder hinein. 4000 Meter unter mir zeigt sich die Erde in ihrer ganzen Schönheit. Wie sich wohl die nächsten 2500 Meter im freien Fall mit ca. 200 Kilometer pro Stunde anfühlen werden? Gleich werde ich es wissen. Ich zeige durch zweimaliges Kopfnicken meine Bereitschaft und springe. Nicht wie geplant, aufrecht und gegen die Flugrichtung, sondern kopfüber ins Nichts. Ich falle und denke daran zurück, was mich hierher geführt hat…

Freitagabend auf dem Flugplatz Roitzschjora bei Leipzig. Es ist 17:30 Uhr. Nach langem Warten bin ich endlich an der Reihe. Letzte Trockenübungen auf dem Boden und im Flugzeug. Aber dann wird es ernst. Während ich mit acht weiteren Insassen die „Pilatus Porter“ besteige und mir mehr und mehr wie eine Sardine in der Büchse vorkomme, stellt sich doch eine leichte Angespanntheit ein. Das Lächeln für die Fotos und der erhobene Daumen wirken nicht mehr cool, sondern nur noch gekünstelt. Aber egal. Wir heben ab. Aus dem Seitenfenster der Maschine sehe ich immer kleiner werdende Wälder, Wiesen und Seen, während unser Landeplatz bereits außer Sicht ist. Keine Ahnung, wie ich diesen aus 4000 Meter wieder finden soll. Daher also der Augentest beim Flugarzt! Ich nestle an Helm und Brille und lasse mein Flugprogramm noch einmal Revue passieren. Bei 2500 Metern Höhe verlassen uns bereits die ersten Springer. Nun bin nur noch ich dran. 2800 Meter, 3400 Meter, 3900 Meter, 4000 Meter - Exit!

Dank meiner Fluglehrer, die neben mir fliegen, komme ich schnell aus meinem Kopfsprung in die Freifallhaltung. Trotzdem schüttelt mich der Gegenwind durch und ich habe Probleme meine Position zu halten. Der starke Gegenwind verzerrt meine Gesichtszüge. Jede kleine Bein- und Armbewegung zerrt an meinem Körper. Bewegen muss ich mich aber, denn ich muss meinen Begleitern durch sogenannte Scheingriffe zeigen, dass ich klar im Kopf bin und weiß, wo mein Griff zum Öffnen des Schirms ist. Für 2500 Meter freien Fall brauche ich gerade mal 40 Sekunden. Bei 1500 Metern öffne ich den Hauptschirm und mein Fall wird mit einem gewaltigen Ruck gebremst. Ein Blick nach oben zeigt mir, dass sich mein Schirm ordnungsgemäß entfaltet hat. Ich hänge in ihm drin und genieße die totale Stille. Wie durch ein Wunder sehe ich auch unseren Landeplatz und steuere langsam auf ihn zu. Das Lenken geht einfacher, als ich dachte. Durch den Funk bekomme ich kurze Landeanweisungen und ich erreiche auch ganz easy unseren Landepunkt. Da ich die Sinkgeschwindigkeit etwas unterschätzt habe, kann ich nur halb bremsen, lande etwas hart, aber sicher auf beiden Beinen. Als ich mit meinem Schirm auf den Armen zum Tower zurück marschiere, ist mir doch die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Die Erde hat mich wieder!

Fotos und Videomaterial: Skyjumps Dresden, Luftsportclub Leipzig

10. August 2015

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