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Faust des Südens, Bein des Nordens - Ein Sachse im Shaolin Kloster

China, Shaolin und Kung Fu – Training an den Wurzeln der Kampfkünste

Shaolin

Der Flieger steht am Anfang vom betonierten Rollfeld. Der Sitz vibriert immer stärker als der Pilot die Triebwerke beschleunigt. Das Herz schlägt schneller. Die letzten Sekunden in Dresden sind angebrochen und ein Abschied von der Heimat steht kurz bevor. Ein Gedanke huscht mir durch den Kopf: „Vier Wochen China – das kann ja heiter werden.“ Für einen Monat will ich in China trainieren, ganz nahe an den Wurzeln der asiatischen Kampfkünste. Ein Kindheitstraum. Als der Flieger abhebt wird mir bewusst: ich stehe am Beginn eines kleinen Abenteuers. Die letzte Woche vor dem geplanten Abflugtermin ist noch alles offen. Montagmorgen geht es nach Berlin-Kreuzberg zur chinesischen Botschaft. Zu spät dran: „Sie können das Visum am Donnerstag abholen.“ – „Was? Den Reisepass wollte ich heute wieder mitnehmen.“ – „Geht erst am Donnerstag.“ – „Arghhh.“ Wieder zurück in Dresden. Flug buchen oder nicht? Was, wenn mir kein Visum ausgestellt wird? Ok, volles Risiko und den Verlust von 1.100 Euro in Kauf nehmen. Anschließend Checkliste erstellen, was noch zu erledigen ist: Arzt und Zahnarzt besuchen, Reise- und Unfallversicherung abschließen, Kontaktlinsen kaufen, in Apotheke mit Medikamenten versorgen, Liste mit Sehenswürdigkeiten aufstellen, wichtige Adressen und Kartensperr-Nummern zusammensuchen, Kamera und Wörterbuch kaufen, einstündige Kara-Ho Vorführung zum Stadtfest in Nossen durchführen, am Team- Treffen im „Balance“ teilnehmen, ohhh und meinen Eltern Bescheid sagen: „Ich bin dann mal für einen Monat in China.“ Sie sind zunächst nur mäßig erfreut.

Warum eigentlich nicht?

Die Idee, diesen Traum tatsächlich umzusetzen, kommt mir ungefähr zwei Monate zuvor. Ich stöbere gerade im Internet und stoße auf die Website www.shaolin-wushu.de. Anfangs ist es nur eine Idee – ein Hirngespinst wenn man es so will. „Ja ja, nach Shaolin gehen und dort trainieren“, geht es mir durch den Kopf. „Das klappt doch nie.“ Irgendwann ändert es sich aber in die Frage: „Warum eigentlich nicht?“ Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke und mir vorstelle, wie es wohl in China sein würde, spüre ich dieses Kribbeln in der Magengrube. Ein Mix aus Aufregung, Begeisterung, Angst und Anspannung. Die Fotos und Eindrücke dieser Internetseite lassen mich einfach nicht los. Ein paar Wochen später fälle ich eine Entscheidung: „Ich will nach Shaolin.“ Von da an geht es immer nur vorwärts, alles wird stressiger und es bleibt nur wenig Zeit zum Nachdenken oder Entspannen. Alle Hausarbeiten für die Uni müssen beendet sein, ein Großteil der Projekte in meiner Firma müssen abgearbeitet und eine Vertretung gesucht werden. Ziemlich oft begegnen mir Zweifel, ob alles klappen kann in dieser kurzen Zeit und ob ich überhaupt das Richtige tue. Wie sich herausstellt, klappt natürlich nicht alles – aber eben doch sehr vieles. Und so kommt es, dass ich am Montag, den 6. September im Flieger von Dresden nach Moskau sitze. Von da geht es weiter nach Beijing und von dort nach Zhengzhou. Ich suchte ein Abenteuer und ich bekam es. Bereits der Flug ist ein erstes Training, nämlich in Stressresistenz und Gelassenheit. Bei jedem Check-in gibt es Probleme mit den E-Tickets und in Beijing ist mein Gepäck verschwunden. Etwas mulmig wird mir im Bauch, als ich dann von zwei Chinesen abgeholt werde, die kein Wort Englisch sprechen. Einige Stunden später liege ich das erste Mal in meinem Bett in der „Yuntai Shan International Culture and Martial Arts School“. Erleichterung macht sich breit. Endlich angekommen.

Weckruf per Glocke um 5:40 Uhr

Den Tag darauf beginnt das Training. Mir wird die Schule gezeigt und ich treffe meinen Lehrer bzw. Shifu. Pang Shifu ist ein 19-jähriger Chinese, der zwölf Jahre lang in Shaolin lebte und dort trainierte. Hinter seiner entspannten Art versteckt sich eine unglaubliche Expertise in Sachen Kung Fu. Zum Glück spricht er teilweise Englisch. Ansonsten verständigen wir uns auch mit Händen und Füßen und vor allem durch Vorzeigen. Ich komme in eine Gruppe mit drei Chinesen und einigen Ausländern. Gemeinsam würden wir so manche Strapaze zu überstehen haben. Sechs Tage die Woche steht Training auf dem Plan, dienstags ist frei. Jeden Morgen weckt uns eine laute Glocke um 5:40 Uhr. Zehn Minuten später stehen Chinesen und Ausländer vor der Schule versammelt und beginnen mit dem Aufwärmtraining. 50 Kniebeuge, 30 Liegestütze, 5 Kilometer laufen im benachbarten Dorf. Anschließend geht es ans Eingemachte. Wir lernen und wiederholen grundlegende Kung Fu Techniken. Diese präzisen Bewegungen werden mit großer Körperspannung ausgeführt und wollen gut koordiniert sein. Gegen 7.00 Uhr gibt es Frühstück. Reisbrötchen mit Chinakohl und „Spicy Carrots“ – interessant aber gewöhnungsbedürftig. Eine Stunde später startet dann die nächste Übungseinheit – diesmal in der Trainingshalle. Wieder Aufwärmtraining – Laufen, Stretching und die unterschiedlichsten Kung Fu Bewegungen. In regelmäßigen Abständen tritt auch Akrobatik auf den Plan. Auf den Matten üben wir HandstützÜberschlag, Überschlag auf dem Kopf, Salto, Handstützüberschlag rückwärts, Rad ohne Hände und Butterfly-Kick. In der dreistündigen Trainingseinheit am Nachmittag wird alles erneut durchgegangen. Nach dem Abendessen gibt es dann noch ein kurzes freies Training, bei dem jeder seine Techniken nach Belieben wiederholt. Die einzelnen Bewegungen werden später zu Formen zusammengesetzt. Im Kampf gegen imaginäre Gegner macht man Tritte und Schläge in einer vorgegebenen Reihenfolge Zunächst lerne ich die „Wubu“-Form – also „Fünf-Stellungen-Form“. Später kommt eine weitere hinzu: „Nan Quan Bei Tui“ – „Faust des Südens, Bein des Nordens“. Eine Form, die mich sehr fasziniert aber auch sehr herausfordert. Mein Shifu nennt sie die meiste Zeit einfach nur „Power-Form“. „Hier bin ich

Hier bin ich richtig!

An manchen Tagen sitzen die Schüler am Rand in der Halle, gönnen sich eine Pause, und auf einmal wirbeln Shifus durch die Luft, machen Saltos und Flickflacks während sie nebenbei noch irgendwelche Waffen durch den Raum schleudern. Meine Mundwinkel gehen immer mehr nach oben und ein Gedanke wird immer lauter: „Hier bin ich richtig.“ Eine seltsame Mischung von Leuten, die man hier so trifft. Da ist zum Beispiel Jonny, der britische Boxer fährt von Shanghai bis zur Kampfsport-Schule mit dem Fahrrad. Nur mit Karte und Kompass bewaffnet, legt er die 1.400 Kilometer zurück. „Es ist einfacher als man denkt. Jeder kann das machen“, sind seine Worte. Alis, der schweizer Boxmeister, will für drei Monate ein etwas anderes Training absolvieren. Tommy aus Jersey ist an der ersten Station seiner zweijährigen Weltreise angekommen. Hans, ein Bänker ebenfalls aus der Schweiz, nimmt eine zweimonatige Auszeit. Außerdem sind da noch Max, der Sportstudent aus Deutschland, Vyara, die englische Studentin, Craig ein amerikanischer Extremtaucher, und noch viele mehr. Interessante Menschen, die eines verbindet – sie alle suchen das etwas andere Training. Und dazwischen ich – Andreas – ein Dresdner mit ein bisschen Kampfsport-Erfahrung, ebenfalls auf der Suche nach der etwas speziellen Herausforderung und den Wurzeln der Kampfkünste.

Kara-Ho ein Stück näher

Seit etwas mehr als zehn Jahren trainiere ich nun in den Kriegskünsten – gelegentlich bis zu zehn Stunden die Woche. Zunächst drei Jahre Aikido, einige Zeit später beginne ich mit dem chinesischen Kara-Ho Kempo Karate. In Deutschland ist diese Kampfkunst noch recht unbekannt. Trotzdem ist sie seit Jahren ein fester und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil meines Lebens. Kara-Ho entstand auf Hawaii, unterlag vielen japanischen Einflüssen und hat eben chinesische Wurzeln. Diesen will ich mit meiner Reise ein Stückchen näher kommen. Mir ist bewusst, es ist absolut unmöglich eine Kampfkunst in einem Monat zu erlernen. Aber darum geht es auch nicht. Ich will Training im alten Stil direkt am Ursprung erleben und einfach einmal von früh morgens bis spät abends trainieren. Neben dem Training stehen einige Ausflüge auf dem Programm. Zunächst besuchen wir den Yuntai Shan Nationalpark, in dem es viele Wasserfälle zu sehen gibt. Abseits vom Tourismus begegnen wir dann in dem kleinen Dorf Fengzhuang der Lebensweise der Chinesen. Sie steht im starken Kontrast zur hektischen Großstadt Jiaozuo.

Endlich Shaolin!

Krönender Abschluss war das Shaolin Kloster. Viele der asiatischen Kampfkünste haben ihre Wurzeln im chinesischen Kung Fu. Dieses geht zurück auf „Dámó“, der im weltbekannten Shaolin-Kloster 525 Jahre n. Chr. den Grundstein dafür legte, indem er Kämpfen mit Meditation verband. Nachdem ich dutzende Male anmerke, dass ich unbedingt nach Shaolin muss, fahren wir einen Tag vor meiner Abreise an diesen legendären Ort. Endlich! In dem kleinen Achtsitzer der Schule begeben wir uns zu neunt mit einem Shifu im Kofferraum zu dem ca. vier Stunden südlich gelegenen Ort Dengfeng. Unser Weg führt uns über die holprigsten Straßen und durch die tiefsten Schlaglöcher Chinas bis wir am Vormittag Shaolin erreichen. Zur Zeit sind Ferien im Land der Mitte, also erwarten uns volle Parkplätze und Unmengen an Touristen. Hinter dem Eingang führt eine lange gut gepflasterte Straße zu Shaolin Si – dem Shaolin-Tempel. Auf dem Weg dahin beobachten wir eine Vorführung der Tagou-Schule. Mit ihren 14.000 Schülern ist sie die wohl größte Kampfkunst-Schule der Welt. Wir gehen weiter und am Eingang des Tempels erwarten uns zwei große Steinlöwen, welche das Kloster beschützen sollen. Ein Blick über die Menschenmassen verrät, dass sie jede Menge zu tun haben. Wir tauchen ein ins Getümmel, gehen entlang an roten Häuserwänden und bestaunen meterhohe Buddha-Statuen. Im hinteren Bereich des Klosters befindet sich ein etwas unscheinbares leeres Haus – in meinen Augen der wohl eindrucksvollste Teil des Tempels. Zwischen einigen Säulen sehen wir, wie sich der Fußboden wellt und viele der Ziegel zerbrochen sind. Ich erinnere mich, wie mir der Inhaber der Yuntai-Shan-Schule erklärte, dass ein Abt den Shaolin-Mönchen verbot zu trainieren. Heimlich übten sie ihre Techniken in besagtem Haus. Der zerbrochene Fußboden geht zurück auf das kräftige Stampfen bei den Übungen. Ich versuche, mir diesen traditionsreichen Ort ohne die vielen Menschen vorzustellen und alles ein wenig auf mich wirken zu lassen. 1500 Jahre Kampfkunst-Geschichte, die sich nun binnen weniger Jahre in Luft auflösen – ein trauriger Anblick. Es ist sehr ernüchternd, dass hier für die Regierung nur noch das Geschäft im Vordergrund steht. Richtige Mönche sucht man vergebens. Was man findet sind Touristen und Souvenir-Shops. Schade. Als ich meine Tasche zurück zur Wohnung in Dresden schleppe, wird mir klar, dass es vorbei ist. Ein Abenteuer findet sein Ende – eine spannende Herausforderung mit vielen interessanten Menschen, sehr viel Spaß, wirklich extrem viel Schweiß, wenig Langeweile, diversen Eindrücken einer anderen Kultur, den unterschiedlichen Emotionen und überhaupt sehr vielen bereichernden Momenten. Mir wird klar, trotz Ernüchterung ging ein Lebenstraum für mich in Erfüllung.

Fotos: Andreas Haubold / Privat - Videoproduktion: Mirko Nemitz / PULSTREIBER TV

14. Juni 2016

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