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Bushcrafting - Ich bin draußen!

Bushcrafting - Ich bin draußen!

Seine visuelle Handschrift prägt seit Beginn das Layout des Sportmagazins PULSTREIBER. Der freie Art Direktor Stefan Brock gestaltet seit 2008 unser Magazin und wenn er nicht gerade Bilder bearbeitet oder vor Grafikprogrammen sitzt, findet man ihn häufig in der Natur. Als Ausgleich zu seinem Job vor dem Bildschirm betreibt der gebürtige Dresdner ein Hobby, was sich möglichst weit weg von der digitalen Welt unserer Zeit entfernt – "Bushcrafting". Zudem widmet er sich der Kunst mit Stift und Pinsel. Inspiriert von der Natur bringt er seine Leidenschaft für die Wildnis aufs Papier. Wir sprachen mit ihm über die Szene des Bushcrafting und wollten mehr darüber wissen.

Stefan, erzähl uns doch bitte mal, was man unter Bushcraft überhaupt versteht.
Der Begriff an sich kommt aus dem englischen Sprachraum und bezeichnet weitestehend Wildnisfertigkeiten wie ein Feuer zu entfachen, sich eine Notunterkunft bauen zu können, Fährtenlesen, Pflanzenkunde bis hin zum Jagen, Fischen und Schnitzen. In unseren Breiten hat sich in den letzten Jahren eine Szene entwickelt, die immer weiter anwächst. Nicht zuletzt auch durch viele YouTube-Kanäle und TV-Sendungen, die sich mit dem Thema Bushcraft und Survival beschäftigen.

Also heißt Bushcraft grob übersetzt Überleben in der Natur?
Nein, nicht ganz. Wie alle Begriffe, die eine Szene umschreiben, gibt es auch hier dehnbare Definitionen. Aber das »Überleben in der Natur« trifft eher auf Survival zu, wo es darum geht aus einer Notsituation heraus mit entsprechenden Kenntnissen und wenigen Mitteln möglichst schnell wieder zurück in die Zivilisation zu finden und diese Fertigkeiten zu trainieren. Altmeister Rüdiger Nehberg, den wir ja auch schon mit einem großen Interview zu Gast hatten, ist hierfür einer der bekanntesten Experten. Beim Bushcraften geht es dagegen darum, mit und in der Natur zu leben und es sich dabei so angenehm wie möglich zu machen. Und dies bei jedem Wetter. Ich freue mich jedesmal wie ein Kind, wenn eine Tour oder ein mehrtätiges Camp ansteht und Schnee vorrausgesagt wird. Ob ich dafür nun teure Ausrüstung im Expeditionsstil besitze oder mit einfachen Mitteln Spaß habe, ist eigentlich ganz egal. Es gibt auch hier Anhänger beider Fraktionen. Die einen schlafen im neuesten 300-Euro-Schlafsack und die anderen laufen in ihrer zehn Jahre alten Bundeswehrausrüstung herum und beschränken sich auf wenige Dinge, die sie mitnehmen. Die Liebe zur Natur und zum Draußensein zählt.

Das wollte ich gerade sagen. Gab es das nicht alles schon einmal?
Im Grunde genommen ist alles was zum Bushcraften gehört, Wissen, was sich der Mensch seit Jahrtausenden an Techniken in der Natur angeeignet hat, jedoch in der heutigen Zivilisation kaum noch praktiziert wird. Die Wenigsten entzünden Feuer mit dem Feuerstahl, dem Schlageisen oder dem Feuerbohrer. Wer schnitzt sich denn heute noch seine Kochlöffel selbst? Die Natur ist reich an essbaren Kräutern, Pilzen und Früchten. Gesündere Nahrung bekommt man in keinem Supermarkt. Diese Sachen baut man sich gern in seinen Speiseplan ein.Wer in das Thema Bushcraften eintaucht, wird recht schnell den intensiven Kontakt zur Natur schätzen und lieben. Die Achtsamkeit und der Blickwinkel auf viele Dinge ändern sich. Wir sind so verwöhnt in unserem trockenen Zuhause. Warmes Wasser aus der Wand und Strom in jedem Raum, Heizung und bequemes Bett, täglicher Konsum und eine unendliche Informationsflut, die über uns wegrollt wie ein Tsunami - für uns alles selbstverständlich. Besonders letzteres kann sehr belastend werden. Der besondere Reiz besteht darin, sich eine Auszeit von unserer »Zuvielisation« zu nehmen, sich an einfachen Dingen zu erfreuen. Draußen geht es nur noch um Feuer machen, Essen zubereiten, Beschäftigung und Schlafen. Herrlich! Außerdem schmeckt es draußen sowieso am besten!

Gehören Wandern oder Bergsteigen auch dazu?
Ein Wanderer oder ein Kletterer ist nicht automatisch gleich ein Bushcrafter, aber Bushcrafter wandern häufig, manche klettern auch. Kommt es dem Wanderer mehr auf die Strecke und die Kilometer an, fokussiert sich der Bushcrafter eher auf die ausgiebige Rast und das Lagern. Er zelebriert das regelrecht. Aber egal wie man es auch bezeichnen möchte - Waldläufer, Naturbursche, Outdoorfreak - es geht um das Draußensein, das manchmal nur ein paar Stunden, aber auch mal längere Zeit dauern kann, und darum seine Fertigkeiten dort auszubauen und auszuleben.

Was fasziniert dich daran?
Es bilden sich wie in jeder Szene Freundschaften und Communities, heute natürlich viel schneller als es früher möglich war. Damals war man einfach mit dem Kumpel draußen, hat sich Limo und etwas zu essen mitgenommen, wenn man was erleben oder angeln gehen wollte. Es gibt das Sprichwort »Glück ist nur echt, wenn man es teilt«. In der heutigen Zeit treten Gleichgesinnte von überall her in Kontakt, tauschen sich aus und lernen dazu. Ich habe in den letzten Jahren wunderbare Menschen kennen gelernt, denen ich ohne Bushcraft nie begegnet wäre und die ticken alle ähnlich wie ich, lieben die Natur und das Draußensein. Da spürt man über die gemeinsamen Interessen eine tiefe Verbindung, die von gegenseitigem Respekt und Freundschaft geprägt ist. Aber auch allein lässt sich das Hobby hervorragend betreiben. Eine Nacht unter freiem Himmel, in der Hängematte oder unter dem Tarp können so gut tun. Man genießt es, am Feuer zu sitzen, zu schnitzen, sich etwas zu kochen, Tiere zu beobachten und die umliegende Natur kennenzulernen. Meine Aufmerksamkeit hat sich sehr verändert. Wenn ich heute in den Wald gehe, wandere ich nicht nur meinen Weg, sondern schaue links und rechts nach allen möglichen Dingen. Ich bleibe stehen und lausche den Vögeln, sammle mit meiner Frau Wildkräuter und beobachte, was alles so am Waldboden oder auf der Wiese wächst. Ich ernte Kienspan als Zunder oder nehme auch mal ein Stück Holz zum Schnitzen mit. Vielleicht wird daraus mein neuer Axtstiel.

Wo bist du denn da unterwegs?
Das Schöne daran ist, dass man nicht weit weg fahren muss. Kanada, Patagonien und Alaska sind zwar ein Traum, aber auch vor der eigenen Haustür kann ich meine kleinen Abenteuer erleben. Sicher fehlt bei uns in Deutschland die vergleichbare Weite und Wildnis, aber im Harz, im Thüringer Wald, im Erzgebirge oder der Sächsischen Schweiz haben wir sensationelle Wälder ganz in der Nähe. Selbst im Stadtwald um die Ecke kann man entspannen. Solange man sich an die Regeln hält, gibt es auch keinen Ärger.

Du sprichst es an, hierzulande gibt es strenge Gesetze was Feuermachen und Zelten angeht?
Das stimmt. Auf der einen Seite ist das auch gut so, denn sonst würden viele Wälder vermüllt werden und es käme öfter zu Waldbränden. Gerade uns geht es ja auch darum, die Natur zu erhalten und so schonend wie möglich zu nutzen. Da nehme ich auch schon mal fremden Müll aus dem Wald mit und bin teilweise entsetzt, wie manche Leute mit der Natur umgehen. Nach dem letzten Himmelfahrtwochenende habe ich auf einem Gipfel in der Sächsischen Schweiz einen dreibeinigen Rundgrill vorgefunden. Unglaublich. Bushcrafter sind das mit Sicherheit nicht gewesen. Hier gilt die Regel: Hinterlasse alles so wie du es vorgefunden hast. Bushcraft-Treffen finden meist auf privatem Gelände statt, auf denen es Feuerstellen gibt. Wenn man unterwegs ist, macht man sich sein Wasser für den Kaffee mit dem Gaskocher heiß oder nutzt öffentliche Grillstellen. Gerade beim Thema Feuer kann man nicht vorsichtig genug sein und sollte die Gesetze beachten. Das Übernachten ist eine gesetzliche Grauzone, die immer weiter aufweicht. Wildes Zelten ist verboten, eine Nacht im Freien wird aber vielerorts geduldet. Nicht zuletzt entstehen auch immer mehr öffentliche Biwakstellen und Hütten in den hiesigen Wandergebieten. Im Internet findet man allein zu diesem Thema einige hilfreiche Informationen.

Bushcrafting - Ich bin draußen!

Und womit beschäftigt man sich draußen?
Jeder entspannt oder beschäftigt sich anders. Das richtet sich nach den Interessen und Neigungen. Wem das Schnitzen nicht liegt, fertigt vielleicht andere Sachen an. Ich kenne viele Leute, die ihre Kleidung selbst nähen oder Taschen, Beutel und Behältnisse herstellen. Manche bauen sich Sitzgelegenheiten oder fertigen ihr eigenes Werkzeug wie Messer und Äxte. Ich persönlich zeichne viel, aber das ist schon sehr speziell. Darüber hinaus werden diese Dinge natürlich auch daheim weiter gelebt. Dann stellen Leute mit gesammelter Rinde und Harz Birkenpech her, das als wasserfester Kleber und Dichtmittel genutzt wird, schleifen ihre Werkzeuge, bereiten mit Bienenwachs und Paraffin Imprägnierwachs selbst zu oder dörren Fleisch als Proviant für die nächste Tour.

Wo bekommt man noch mehr Infos her, wenn man sich dafür interessiert?
Mittlerweile gibt es zum Thema Bushcraft einige Literatur. Im Internet und in den Sozialen Netzwerken finden sich unzählige Informationen, einfach mal bei YouTube schauen. Zum anderen bieten Wildnispädagogen Kurse an, in denen man Feuermachen, Unterkunft bauen, Tierspuren lesen usw. erlernen kann. Leider hat sich unsere Gesellschaft immer weiter von der Natur entfernt. Als Kind war ich fast täglich draußen an der frischen Luft, obwohl ich in der Stadt aufgewachsen bin. Heute hocken doch die meisten Kids nur noch zu Hause vor ihrem Smartphone. Gerade sie müsste man für die Natur und Mutter Erde wieder begeistern. Da werden 14 Tage Schwedenurlaub in einer einsamen Hütte ohne WLAN zur echten Herausforderung für Kinder und Eltern. Wer dann die nötigen Bushcraft-Fertigkeiten besitzt und seine Sprösslinge damit begeistern kann, hat gute Karten zu überleben und das ist dann schon fast Survival.

Interview: Carolin Mühle | Fotos und Ilustration: Stefan Brock

27. April 2018

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