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Breakdance in der DDR - Keine Platten, keine Klamotten, aber grenzenlose Energie

“This ain't New York, this the Bronx!”

Breakdancer

Wer sich ein wenig in der Filmwelt der frühen 80er auskennt, wird die Überschrift schnell dem passenden Film zuordnen können. Sie gehört zu Harry Belafontes Klassiker „Beat Street*“ aus dem Jahre 1984. Auch in der damaligen DDR wurde dieser Film ausgestrahlt und fesselte Jung und Alt.

Beat Street handelt vom Leben des jungen Kenny, seinem älteren Bruder Lee und dessen Freunden. Während der 13-jährige Kenny nur Breakdance im Kopf hat, dreht sich das Leben seines Bruders hauptsächlich um Musik. Der Film gibt einen authentischen Einblick in die entstehende Breakdance- und Hip- Hop-Szene und spiegelt das Lebensgefühl wieder, das damals unter der größtenteils afroamerikanisch geprägten Szene in der New Yorker Bronx existierte. Harry Belafontes Meisterwerk hatte zu der damaligen Zeit einen gewaltigen Einfluss auf die Jugendlichen im „Osten“, was sich auch in den Folgejahren bemerkbar machte.

Keine Platten, keine Klamotten, aber grenzenlose Energie

Breakdancer

Beat Street kann vielleicht nicht von sich behaupten, Breakdance in den Osten gebracht zu haben, dies geschah schon rund eineinhalb Jahre vorher, aber der Film weckte Sehnsüchte bei den damaligen Heranwachsenden und gab Breakdance eine Initialzündung. Es wurden Breakdance-AGs gegründet und weiße Turnschuhe mittels Filzstiften und bunten Schnürsenkeln zu coolen Marken-Sneakern gemacht. Notfalls mussten „Westpakete“ oder Besuche in Ungarn oder Tschechien helfen. Auch im Bereich Rap fand (z.B. mit der 1987 gegründeten Combo „Three M-Men“) der Versuch einer Amerikanisierung in der sowjetischen Besatzungszone statt. Plötzlich brauchte jeder Teenie, der etwas auf sich hielt, einen „Ghettoblaster“ (bzw. in der Realität einen tragbaren Kassettenrekorder von „RFT“ oder „Sternradio Berlin“).

Was als Trend begann, entwickelte sich schnell zu einem leistungsorientierten Sport, aber auch zu einer Einnahmequelle für all jene, die bei Betriebs-, Brigade- und FDJ-Feiern Auftritte bekamen. Über das Ministerium für Kultur wurden nicht nur Auftritte für den „akrobatischen Showtanz” kommerzialisiert, sondern auch die finanzielle Zuwendung festgelegt, die sich auf 70 bis 120 Ostmark belief. Von der Stasi wurden Breakdance und seine Subkulturen aber teilweise auch kritisch betrachtet. Schließlich führten sie den Jugendlichen erneut einen deutlichen Mangelzustand vor Augen. Keine Platten, keine Klamotten, all dies zeigte einmal mehr die Defizite des sozialistischen Regimes. Zudem wurde in der von linientreuen Funktionären als „feindliche imperialistische Ghettokultur“ bezeichneten Bewegung auch die Gefahr von versteckten politischen Botschaften gesehen. Zum Glück sahen die Jugendlichen ihre Kultur mehr als Weg der Entfaltung und des „Andersseins“ und nicht als Mittel zur Rebellion.

Einer der ältesten „Breaker“ der Nation

Heiko „Hahny“ Hahnewald

Einer, der diese Entwicklung von Anfang an aktiv miterlebte, war Heiko „Hahny“ Hahnewald aus Meißen. 1984 erwischte ihn als damals 18-Jähriger das Breakdance-Fieber und bestimmte von da an sein Leben. Vor der Wende konnte er 1987 als Solotänzer und 1988 in der Gruppe Meistertitel erringen. Für ihn war Breakdance jedoch nicht nur „Sport“ oder Freizeitspaß, sondern entwickelte sich auch zu einem zusätzlichen Broterwerb. Wahrscheinlich weiß nur „Hahny“ selbst, wie er es 1989 schaffen konnte, neben seiner Arbeit bei der Post noch auf insgesamt 270 Auftritten zu tanzen! Hahnewald ist der Szene nach wie vor treu geblieben und tritt auch heute noch gerne auf, was ihn sicherlich zu einem der ältesten „Breaker“ der Nation macht. Aber wie ist er überhaupt zum Breakdance gekommen?

„Schon als Kind war ich von Akrobaten, Artisten und Turnern begeistert. Auch wenn ich Breakdance für mich erst sehr spät entdeckt habe, ich war damals schon 18 Jahre alt, war es für mich wie das Ziel einer langen Reise. Ich hatte endlich etwas gefunden, was mich wirklich ausfüllte und mich selbst jetzt noch begeistert. Von da an bestimmte Breakdance mein Leben und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir von einem Auftritt zum nächsten in unserem Trabant düsten und uns manchmal nicht mal mehr die Zeit zum Aufwärmen blieb. Was mich an der damaligen Zeit so begeistert hat, war die Kameradschaft und unser Erfindergeist. Osten hin oder her, wir haben immer einen Weg gefunden. Dies unterscheidet uns vielleicht ein wenig von manchen neuzeitlichen „Wohlstandsbreakern“, für die Breakdance eigentlich nur etwas ist, mit dem man schnell mal posen und angeben kann. Breakdance ist über die Jahre anspruchsvoller geworden. Mit den Moves, mit denen wir 1989 die Leute begeistert haben, lockst du heute niemanden mehr hinter dem Ofen vor. Vor allem die Entwicklung im Athletikbereich ist schon der Wahnsinn. Allerdings ist Breakdance immer noch eine Ausdrucksform und kein Kunstturnen. Ich war schon immer ein kleiner Kamikaze-Typ und dies spiegelt sich auch in meinem Stil wieder. Allerdings habe ich nie vergessen, dass Breakdance auch eine Seele haben muss. Wenn ich dies weiter berücksichtige, werde ich auch in zehn Jahren noch mit meinem Stil begeistern können. “

Neue Einflüsse und Erfahrungsaustausch

Battle of the Year

Die Wende bedeutete für viele ostdeutsche Breakdancer vor allem einen Erfahrungsaustausch. Man konnte plötzlich Großstädte wie Hamburg, Berlin, München, Köln und Frankfurt besuchen, sich inspirieren lassen und dazulernen. Gerade die multikulturellen Einflüsse in diesen Regionen beeinflussten die Art zu Tanzen und zeigten auch den Unterschied zwischen den „Ossis“ und den „Wessis“. Letztere maßen vor allem dem choreografischen, tänzerischen Aspekt mehr Bedeutung bei, während der Osten mehr „körperbetont“ tanzte. All diese Unterschiede waren jedoch marginal und verschwammen in den Folgejahren der Wende allmählich. Für die Entwicklung von der DDR bis zur Jetzt- Zeit gab bzw. gibt es speziell in Sachsen im Prinzip drei wichtige Gruppen: „Move From The Other Side“ (Leipzig), „Fresh In Attack“ (Großraum Dresden) und „Söhne des Kreises“ (Chemnitz). Diese drei Gruppen waren prägend für die Entwicklung in der Region. Daneben gab bzw. gibt es noch die „Beat Fanatics“ (Dresden, aus „Fresh In Attack“ hervorgegangen), „L.E. Alive“ (Leipzig, aus „Move From The Other Side“ hervorgegangen), die „Style Junkies“ (Bautzen) und junge, ambitionierte Gruppen wie „Project Wild“ (Chemnitz), die „Red Ribbon Squad“ (Dresden) oder „Battalion East“ (Dresden/Leipzig).

Ein Meilenstein für die Szene war die Gründung des „Battle Of The East“, dem ostdeutschen Breakdance- Event schlechthin. Damals trat Ralf „Harry“ Harenburg an den Verein „Steinhaus Bautzen“ mit der Idee heran, ob man nicht gemeinsam eine Veranstaltung organisieren könnte. Harenburg tanzte zu der Zeit selbst in der Gruppe „Da Trick Squad“ und hatte die Idee, alle ihm bekannten Gruppen aus dem Osten zu einem Wettbewerb einzuladen. Nach der Wende hatte es so etwas im Osten nicht gegeben und so fand das erste „Battle Of The East“ in einer kleinen Turnhalle direkt neben dem Steinhaus statt. Im ersten Jahr noch als eigenständiges Event und unabhängig vom nationalen „Battle Of The Year“. Der Titel ging damals an „Moves From The Other Side“ aus Leipzig, die auch schon beim „Battle Of The Year“ 1996 am Start waren. Danach hat sich das Battle Of The East über die Jahre zum wichtigsten Event der ostdeutschen Szene entwickelt, weil es zum einen ab 1998 als Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft diente und weil es für die Szene vor allem eine Plattform war, um sich zu treffen und auszutauschen. Damals gab es ja bekanntlich noch kein Internet mit Facebook, Youtube und den anderen Spielereien. Über das „Battle Of The East“ qualifizierten sich jedes Jahr zwei bis vier Gruppen für das „Battle Of The Year“. Größter Erfolg für eine ostdeutsche Crew war der Sieg von „Fresh In Attack“ 1999 bei der Deutschen Meisterschaft, die in dem Jahr in Dresden ausgetragen wurde.

Ein Film, der Einblicke liefert - "Here we come"

Here we come

Wer sich für die Geschichte des Breakdance in der DDR interessiert, kommt an der Dokumentation "Here we come" nicht vorbei. Für die Protagonisten Simo, Beatschmidt,
Magic Mayer und andere Jugendliche der 80er war Breakdance wichtiger als Pioniere, Stasi und Dinge, auf die die DDR sonst noch gerne reduziert wird. Der sehenswerte Film handelt von dem Wunsch, sich etwas eigenes zu schaffen und daran festzuhalten. „Unabhängig“ von allem, was einen umgibt. Erzählt wird sie von einer Generation, die bisher noch nicht gefragt wurde.

Leider ist der Film aktuell nicht mehr erhältlich, da der zuständige Filmverleih die Lizenzen abgegeben hat. Der Redaktion war noch kein neuer Verleih bekannt, so dass wir nur empfehlen können, in diversen Plattformen (Amazon, Ebay,...) einmal nach dem Titel zu suchen und sich eine gebrauchte DVD zuzulegen. Den Trailer findet ihr auf youtube.

Ein Statement des Regisseurs Nico Raschick

Here we come

Mich hat gestört, dass die DDR in Filmen immer einseitig dargestellt wurde. Was da in Ostalgie- Verdummungs-Shows oder Stasi-Geschichten gezeigt wurde, hatte mit meinem Leben in der DDR nichts zu tun. Natürlich gab es auch Probleme in der DDR, es gab aber auch eine große kulturelle Szene. Ist ja auch logisch, wenn man sich nicht wie heute über die Arbeit definiert. Die behütete, gesicherte Existenz nahm einem oftmals den existenziellen Druck und setzte kreative Energien frei. Gab es denn das: Breakdance in der DDR? Dieser Frage wollte ich auf den Grund gehen und die Antwort in einer Dokumentation umsetzen.

„Here we come“ ist ein tragisch-komischer Stoff. Das Tragische ist, dass eine Kultur, die sich ganz unabhängig von der Ideologie und den engen Grenzen entwickelt hatte, im Zuge der Wende mehr oder weniger verschwand. „Here we come“ unterscheidet sich von anderen DDR-Dokus, indem er zeigt, dass junge Leute damals unabhängig von Pionierorganisation, FDJ, Stasi und System für etwas vollkommen Anderes und Ideologiefreies gebrannt haben. Diese Leidenschaft hat das Leben dieser Jugendlichen durchzogen und so gibt der Film einen ganz anderen Einblick in den Alltag der DDR. Nach der Premiere haben mich Leute angesprochen, die sagten, dass sie vorher noch nie das Gefühl hatten, wirklich so nah dran am Alltagsleben der DDR gewesen zu sein. Das freut mich natürlich, denn ich kann die hochgehaltenen Spreewaldgurkengläser oder anderen Quatsch nicht mehr sehen.

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Fotos: Privat, Fotomontage, Nico Raschik, Heiko Hahnewald, Christoph Seidler

01. Oktober 2021

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