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Abenteuer Irontrail – der schönste und härteste Ultratrail Europas

Leserreport von Thomas Wiedemuth

Nach fast einem Jahr intensiver Vorbereitung machten wir, mein Freund Christian und ich, uns im August auf den Weg nach Davos zum Swiss Irontrail, ein Ultratrail über 201 km mit 11.450 Höhenmetern. Der Veranstalter selbst bezeichnet den Lauf als den schönsten und härtesten Ultratrail Europas. Bei diesem Lauf geht es auf schwer zu laufenden Pfaden durch die Graubündener Berge. Der Schwierigkeitsgrad erhöht sich auch dadurch, dass der Lauf überwiegend in einer Höhe von mehr als 2.000 Metern stattfindet. Das machte eine längere Akklimatisierungsphase notwendig und deshalb reisten wir schon fünf Tage früher an. Das Wetter war traumhaft und so führte uns die erste Wanderung zum Strelapass. Das ist der Berg, den Thomas Mann in seinem Roman »Der Zauberberg« schildert. Das im Roman beschriebene Sanatorium, ist heute übrigens ein Hotel. Der Zauberberg bzw. Strelapass selbst war eher unspektakulär, dafür aber war der Blick über Davos um so schöner. In drei Tagen mit tollen Wanderungen rund um Davos war es dann am Donnerstag, den 13. August um 8 Uhr endlich soweit. In maximal 64 Stunden sollten die 201 km bewältigt werden. Die Wetteraussichten waren für die ersten zwei Tage gut bis durchwachsen. Erst der dritte Tag sollte Regen und ein paar Gewitter bringen. Auf den ersten Kilometern hinauf zum Sertigpass passierten wir das idyllische Sertig Dörfli. Nach einem kurzen »Tankstop« an der ersten Getränkestation ging es sofort weiter zum Sertigpass hinauf, der uns auf 2.739 Meter Höhe führen sollte.

Der Aufstieg fiel mir unerwartet leicht, die Akklimatisierung hatte sich sehr positiv ausgewirkt. Ich lag jetzt eine Stunde vor meinem Zeitplan und machte mich gut gelaunt an den nächsten eher technischen Abschnitt zur Keschhütte. Dieser Abschnitt war relativ schwer zu laufen und auch die Höhe machte sich bemerkbar. Die vier Kilometer zogen sich sehr zäh dahin. Ich war froh, als ich mit der Keschhütte den zweiten Verpflegungspunkt erreicht hatte. Nach einer etwas ausgiebigeren Pause folgte ein teilweise, sehr steiler und technischer Downhill. Hier musste man sehr aufpassen, sein Pulver nicht zu sehr zu verschießen und locker zu bleiben. Das letzte Stück nach Bergün führte leider über etliche Kilometer Straße. Ein Umstand, den ich bei meiner Schuhwahl nicht beachtet hatte. Meine Wade sendete mir sehr bald das Signal, es nicht zu übertreiben. Doch mit ein paar kurzen Gehpausen, war auch dieses Problem schnell gelöst.

In Bergün hatte ich dann immerhin 1.400 negative Höhenmeter in weniger als zwei Stunden hinter mir. Es war jetzt 14 Uhr und 34 von 201 km waren absolviert. Nach einer eher kurzen Pause machte ich mich an den Aufstieg nach Naz. Doch schon bald nach dem Verpflegungspunkt setzte mich eine frisch gemähte Wiese nahezu außer Gefecht. Mein Heuschnupfen meldete sich mit aller Macht in Form von Hustenanfällen zurück. Zum Glück konnte ich dieses Problem mit Anthystaminen schnell in den Griff bekommen. Der Aufstieg lief trotz dieses Vorfalles und der großen Hitze sehr gut. Ich konnte meinen Rhythmus, aus abwechselndem Laufen und Gehen halten. Die Muskulatur erholt sich beim Laufen vom Gehen und umgekehrt. In Naz war der Verpflegungspunkt sehr liebevoll eingerichtet. Eine Zinkbadewanne, gefüllt mit kühlen Gebirgswasser, lud zu einer Abkühlung ein. Auch die freundlichen Helfer, ohne die so eine Veranstaltung nicht machbar ist, trugen ihren Teil zur guten Stimmung bei.

Der folgende Aufstieg auf die Fuorcla Crap Alv (2.461 m) sollte laut Veranstalter ein Highlight sein. Das war nicht zu viel versprochen. Es ging vorbei an sehr schönen Wiesen und Seen, die auch bei den Schweizer Touristen sehr beliebt sind.Inzwischen machte mir die Hitze erheblich zu schaffen. So war leider mein Wasservorrat schneller aufgebraucht, als gut für mich war. Nach einem längeren und nervigen Abschnitt auf einer Pass-Straße, ging es endlich vom heißen Asphalt zurück in den kühleren Wald. Es begann bald ein Kletterabschnitt, bei dem man auch einen Wasserfall überklettern musste. Da ich unter Höhenangst leide, kostete mich das einige Überwindung. Glücklicherweise konnte ich hier meinen Wasservorrat wieder auffüllen. Bald darauf machte sich ein Hungerast bemerkbar und ich musste das Tempo reduzieren. Doch so hatte ich Zeit ein paar Fotos von der schönen Landschaft zu machen. Irgendwann war es geschafft, Spinas war im Tal schon zu sehen und der Downhill konnte beginnen.

Schon bei Beginn des Abstieges, kollidierte mein rechter Fuß mit voller Wucht mit einem Stein. Nur mit Mühe konnte ich einen Sturz, der in diesem Gelände fatal gewesen wäre, verhindern. Leider war der Zusammenprall so heftig, dass meine Zehen anschwollen und auch mein rechter Fuß in kürzester Zeit dick wurde. Jetzt hieß es Zähne zusammen zu beißen und den gefährlichen Abstieg im extrem steilen Gelände zu Ende zu bringen. Leider war für mich nur noch ein langsames Vorankommen möglich. Insbesondere meine angeschwollenen Zehen, machten den Abstieg zu einem schmerzhaften Vergnügen. Doch nach einer schier endlosen Stunde war der Abstieg geschafft und es ging auf Waldwegen hinab nach Spinas. An Laufen war nicht mehr zu denken und der Abstand zum Cutoff schmolz immer mehr. Irgendwann war dann doch noch der ersehnte Verpflegungspunkt in Spinas erreicht. Von hier aus waren es »nur« noch 150 km bis ins Ziel. Es war undenkbar in diesem Zustand noch zwei volle Tage weiter zu laufen, oder besser zu humpeln. Auch wenn mir die Entscheidung sehr schwer fiel, ich musste meinen Lauf hier leider beenden. Bei so einer langen Strecke ist es auch für absolute Spitzenläufer nicht selbstverständlich ins Ziel zu kommen. Es ist jedes mal aufs neue ein großes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Das macht sicher auch den Reiz aus und ist auch der Grund, warum man es immer wieder versucht und die eigenen Grenzen immer weiter verschiebt.

Über den Autor
Thomas Wiedemuth ist Freizeitläufer, der vor allem die längeren Distanzen mag. Der verheiratete Vater von zwei Kindern arbeitet als leitender Angestellter bei einer Softwarefirma und trainiert unter anderem im Elbsandsteingebirge, um sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Der ehemaliger Skispringer ist in den letzten Jahren einige der bekanntesten Ultra-Trails Europas gelaufen. Nennenswerte Läufe die er erfolgreich bestritten hat: Rennsteiglauf Supermarathon (73 km), Thüringen Ultra (100 km), Zugspitz Ultratrail (100 km, 5450 Höhenmeter), Ultra-Trail du Mont-Blanc (170 km, 10.000 Höhenmeter).Die Herausforderung und Verbindung zwischen Ausdauersport und Natur reizt den 43-Jährigen dabei am meisten.

Fotos: Thomas Wiedemuth, privat

23. November 2015

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