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Wie Kreuzbandverletzungen vermeiden, wann muss operiert werden?

Sportlerin

Verletzungen der Kreuzbänder gehören zu den häufigsten Schäden am Kniegelenk. Mit einer Grundkenntnis am Aufbau und der Funktionsweise der Kreuzbänder lassen sich effektiv Verletzungen vermeiden und im Bedarfsfall sicherer rehabilitieren.

Die Funktion der Kreuzbänder

Das Kniegelenk besteht aus den zusammentreffenden Enden des Oberschenkelknochens und des Schienbeines. Da die Knochen anatomisch nicht passend sind (Schienbein gerade,  Oberschenkelende rund) erfüllen die Menisken als „Unterlegscheiben“ eine Pufferfunktion. Um diese Strukturen (und damit das Kniegelenk selbst) zu kontrollieren, müssen die beiden Kreuzbänder die gesamte Muskulatur steuern, um ein Wegrutschen zu verhindern. Um alle Richtungen zu erfassen, sind sie „kreuzend“ (daher der Name) und dreidimensional zueinander verlaufen  angeordnet. Diese beiden Bänder sind jedoch nicht als „Sicherheitsgurte“ zu verstehen, sondern sind vielmehr Messgeräte mit Rezeptoren, die die Stellung des Kniegelenkes, die Spannung und den Druck im Gelenk permanent ermitteln und an das Rückenmark weitergeben. Nach der Informationsübertragung erfolgt dort eine Impulsgabe an die Nerven, die die Kniegelenksmuskulatur ansteuern. Dieser Kreislauf wird als Propriozeption bezeichnet und kann durch eine Schädigung der Kreuzbänder unterbrochen werden. Nicht der Riss der Kreuzbänder an sich, sondern der Verlust dieses Regelkreislaufes führt zu einer Instabilität und zu Muskelminderungen.

Vorbeugen von Kreuzbandverletzungen

Zeichnung eines Knies mit Kreuzbändern

Die Komplexität des Steuersystems hat einen großen Vorteil. Es ist mit dem richtigen Training lernfähig. Vor allem bei Sportarten, bei denen ständig wechselnde Einflüsse auf das Kniegelenk einwirken ist ein intensives (propriozeptives) Training dieser Steuerung sinnvoll, um Verletzungen zu vermeiden. Dies kann durch Balanceübungen erfolgen, z.B. durch Stehen auf einem Bein und dem gleichzeitigen Werfen und Fangen eines Balles. Dabei wird die Konzentration auf das Fangen des Balls gelenkt, während dessen die Kreuzbänder rasend schnell Informationen aufnehmen und transportieren müssen. Die reaktionsfreudigen Muskelfasern werden dabei so stark trainiert, dass sie im Bedarfsfalle (z.B. Umknicken) jederzeit extrem schnell ihre Arbeit verrichten. Weiterhin kann man mit frei beweglichen Plattformen oder Vibrationsgeräten auf eine noch stärkere Beanspruchung dieses propriozeptiven Systemes zielen. Baut man diese Übungen in sein Training ein, lassen sich Verletzungsrisiken mindern.

Wann ist eine Operation notwendig?

Ein gerissenes Kreuzband sollte unbedingt operiert werden. Es kann sich ohne Kreuzband kein neuer propriozeptiver Kreislauf bilden. Trotzdem gibt es einige Menschen, die nach einem Unfall ohne vorderes oder hinteres Kreuzband weiter Sport treiben. Dies geht mit Einschränkungen in Sportarten wie leichtem Jogging, Radfahren oder bei allen, die keinen plötzlichen Seitwärtsbewegungen unterliegen. Sobald aber unvorhergesehene Einflüsse auf das Knie wirken, kann das Knie durch den fehlenden propriozeptiven Kreislauf stark geschädigt werden. Durch die fehlende Stabilität bei einem Kreuzbandschaden kommt es zu stärkeren Verschiebebewegungen im Kniegelenk, die mit Knorpelabrieb verbunden ist. Nach Studien bekommen etwa 80 Prozent der Sportler nach einer Kreuzbandverletzung ohne Ersatzoperation eine starke Arthrose (ggf. mit der Notwendigkeit eines späteren Kunstgelenkes). Nach einer Kreuzbandersatzplastik (bei korrekter Ausführung) sinkt diese Rate auf nur 30 Prozent.

Besteht z.B. schon ein Riss des vorderen Kreuzbandes ohne Operation und es geschieht ein weiterer Unfall mit ähnlicher Wirkung kann das bis zu einer Nervendurchtrennung oder einem Gefäßabriss im Kniegelenk mit verheerender Wirkung führen. Je höher der Sportwunsch des Patienten ist, umso wichtiger ist die Kreuzband OP. Das Alter spielt dabei keine tragende Rolle. Dabei ist zu beachten, dass genau festgestellt werden sollte, welches Kreuzband gerissen ist (hintere Kreuzbandrisse werden öfters übersehen). Wichtig ist auch, dass die Kreuzbandoperation am besten nach Abklingen der unfallbedingen Blutung, Schmerzen oder Entzündungszeichen durchgeführt werden sollte. Eine noch frühere Versorgung ist nach heutigen Erkenntnissen nicht sinnvoll und kann zu wesentlichen Komplikationen führen.

Wie verhalte ich mich nach einer Kreuzbandoperation?

Zeichnung eines Knies mit Kreuzbändern

Ein Krafttraining an Geräten ist der falsche Weg um die körpereigene stabilisierende Kraft wieder zu bekommen. Es werden z.B. beim Kniebeugen nur bestimmte Muskelfasern oder Muskelbündel trainiert und dies immer in derselben Reihenfolge und Anordnung. Dabei müssen die Kreuzbänder und der damit verbundene Kreislauf nicht arbeiten und „verkümmern“, trotz vielleicht korrekter Operation. Eine Einbeziehung des neuen Kreuzbandes in diesen propriozeptiven Kreislauf kann nur durch Balancebewegungen erfolgen. Auf diese Weise erlangt man schnell die korrekte Muskelkraft, Intensität und damit verbundene Stabilität zurück. Als therapierende Trainingsgeräte eignen sich ein hochwertiges Trampolin, ein Pedalo-Stabilisator oder der rechts abgebildete BOSU Balance Trainer. Auch ein Training an einer Slackline kann unterstützend wirken.

Das Tragen einer Bandage zur Stabilisierung ist nicht unbedingt die beste Lösung. Nach einer Operation ist eine Bandage wichtig um die Einheilung des neuen Kreuzbandes zu schützen. Trägt man länger eine Bandage oder benutzt sie um eine Operation der gerissenen Kreuzbänder zu umgehen, schwächt man dadurch das propriozeptive System, weil man diesem ständig Hilfe aufzwingt. Damit hat man eine falsche Sicherheit, denn im Bedarfsfalle, können die so fehljustierten Muskeln nicht mehr agieren.

Autoreninfo

Tanja Schuck

Dr. med. Marco Tinius studierte und promovierte an der Universität Leipzig. Seine medizinische Ausbildung in Lichtenstein führte 2003 zum Facharzt für Chirurgie. Die weitere Spezialisierung erfolgte am Universitätsklinikum Leipzig (Unfall-, Wiederherstellungs- und Plastische Chirurgie). 2006 absolvierte er ein Fellowship im Bereich Knieendoprothetik an der Harvard Universität in Boston (USA). 2007 legte er die Prüfung zum Facharzt für spezielle Unfallchirurgie erfolgreich ab. Seit 2008 ist er zusätzlich Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und wurde zum D-Arzt berufen. Als ehemaliger Leistungssportler kennt er die Bedürfnisse von Hochleistungssportlern und betreut deshalb auch Teams und Vereine aus der Region. Dr. med. Marco Tinius ist Autor von mehreren wissenschaftlichen Publikationen und Geschäftsführender Gesellschafter der Praxisklinik Stollberg sowie Gesellschafter des Gelenkzentrums Chemnitz.

Fotos: Pixabay, Zeichnung von Stefan Brock, Romy Zschiedrich, Marco Tinius privat

08. Oktober 2021

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