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Depressionen im Sport

Wenn der Kopf streikt und der Körper folgt

Depressionen im Sport sind schon längst keine Seltenheit mehr und spätestens seit dem Fall von Robert Enke fällt es schwer, dieses Thema im Spitzensport zu ignorieren. Immer öfter kommt die Frage auf: Was treibt vermeintlich junge, athletische Menschen dazu, das Leben nicht mehr genießen zu können oder gar damit abschließen zu wollen? Dieses Phänomen wird mittlerweile nicht mehr nur im Spitzensport beobachtet, auch im Breiten- bzw. Freizeitsport steigt die Zahl der Betroffenen.

Die Symptome einer Depression sind sehr vielfältig und oftmals schwierig zu erkennen. So kann es zu typischen Anzeichen wie länger andauernder (mindestens sechs bis zwölf Wochen) Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit sowie permanenter Müdigkeit kommen. Ebenso klagen Betroffene bzw. Angehörige häufig über Appetitlosigkeit, negative Gedanken, innere Unruhe und sozialen Rückzug. Öffentliche Veranstaltungen und Wettkämpfe werden immer häufiger gemieden. Interviews werden abgesagt und die allgemeine körperliche Verfassung verschlechtert sich bis hin zu immer wiederkehrenden Infekten, psychosomatischen, neurotischen oder paranoiden Störungen und letztendlich Suizidgedanken.

Die Ursachen für Depressionen bei Sportlern sind neben den genetischen Vorprägungen ebenfalls sehr vielfältig und schwer zu identifizieren. So kann es sein, dass ein jahrelang andauernder Leistungsdruck dafür verantwortlich ist, dass der Körper an seine psychischen und physischen Grenzen kommt. Das System baut sozusagen ein imaginäres Stoppschild ein, damit Schäden verhindert werden. Somit ist es die mangelnde oder fehlerhafte Kompetenz adäquat zu entspannen, die den Athleten dazu bringt eine depressive Phase zu erleben, in der er keine Lust mehr hat sich anzustrengen und das Leben als sinnlos erachtet. Dabei spielt es primär keine Rolle, ob der Sportler erfolgreich ist oder nicht. Natürlich lässt es sich länger unter Druck aushalten, wenn die Anstrengungen sich lohnen. Kommt zu allem noch eine häufige Anzahl an Niederlagen hinzu, steigt natürlich für diesen Typ die Wahrscheinlichkeit in ein emotionales Loch zu fallen.

Eine weitere immer häufiger beobachtete Ursache für depressive Züge bei Sportlern liegt in der plötzlich empfundenen Nutzlosigkeit nach oder während einer Erkrankung bzw. nach dem gewollten oder ungewollten Karriereende. Besonders bei Leistungssportlern, die ihr Leben komplett nach sportlichen Zielen (Wettkämpfe, Trainingslager und Tests) ausgerichtet haben, beginnt sich bei einer ausbleibenden sportlichen Betätigung ein Gefühl der Leere auszubreiten. Es fehlen die täglichen Herausforderungen und Aufgaben bzw. die Anerkennung durch Fans oder Umfeld. Auf einmal ist man einer von Vielen und kann sich nicht mehr über seinen Erfolg im Sport definieren. Das »normale« Leben setzt ein und kann bei ungenügender Vorbereitungszeit dazu führen, die Sportler massiv zu überfordern. Es ist, wie als wenn ihnen die eigene Identität genommen wird. Alles wofür sie jeden Tag gekämpft haben, ist plötzlich weg und vor ihnen liegt nichts mehr, was diese sportlichen Erlebnisse ersetzen kann. Von diesem Phänomen können auch Breiten- und Freizeitsportler betroffen sein, die ihr Hobby als eine Art Lebensaufgabe sehen. Jede freie Minute wird für sportliche Betätigungen geopfert. Sport wird als Ausgleich zum tagtäglichen Arbeitswahnsinn genutzt. Es wird zu einer Art Ritual und Heiligtum, welches sich als fester Bestandteil des Lebens entwickelt hat. Alles wird auf das Training ausgerichtet, sogar der Urlaub, die Wochenenden und die komplette Freizeit. Auch hier ist es fatal, wenn dieser Bestandteil des Lebens plötzlich wegfällt. Dies ist besonders dann kritisch, wenn der Job keine ausreichende Anerkennung für die eigenen Anstrengungen bietet und der Sport als Ersatzbefriedigung genutzt wird.

Die Behandlung bzw. Intervention ist ebenso vielfältig wie die Symptome und die Ursachen. Wichtig ist, dass zunächst abgeklärt wird, ob es sich tatsächlich um eine Depression handelt oder ob eine andere Ursache hinter den Symptomen steckt. Der ehrgeizige Gedanke von Leistung und Erfolg macht es Sportlern besonders schwer, sich einzugestehen, dass Hilfe benötigt wird und dass eine persönliche Grenze erreicht wurde. Somit ist es ebenso hilfreich, das Umfeld zu integrieren und darüber aufzuklären, dass es keine Schwäche ist, sondern eine ernstzunehmende Krankheit mit Symptomen, Ursachen und Verlauf. Fakt ist, wer merkt, dass etwas nicht stimmt, sei es bei sich selbst oder bei anderen, sollte sich Rat bei einem Experten suchen. Dabei kann der vertraute Haus- bzw. Sportarzt oder Sportpsychologe als Ansprechpartner dienen. Von da aus können weitere Schritte geplant und besprochen werden.

Wer präventiv handeln möchte, sollte als erste Gegenmaßnahme versuchen, seine Ziele im Leben zu definieren. Sind diese Ziele nur auf den Sport ausgerichtet, sollte über Alternativen nachgedacht werden. Jeder sollte sich dabei die Frage stellen, welchen Dinge es im Leben noch gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Außerdem ist es hilfreich verschiedene individuelle Bewältigungsstrategien bzw. »Energielieferanten« im Umgang mit Druck, Stress und Herausforderungen zu identifizieren, damit man Notfall auf sie zurückgreifen kann. Das könnten zum Beispiel die Familie, dieFreunde, ein Haustier oder ein anderes Hobby sein. Wichtig ist, dass es zu einem passt und in guten und schlechten Zeiten verfügbar ist. Auch diesen Schritt muss man nicht alleine gehen, hier können psychologische Berater/innen oder Sportpsycholog/innen für ein optimales Gleichgewicht im Leben eines Sportlers – egal ob im Leistungs- oder Freizeitbereich – sorgen. Dabei sollte man jedoch darauf achten, dass die Berater/ innen über eine fundierte psychologische Grundausbildung verfügen, damit eventuelle depressive Verstimmungen richtig erkannt und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können.

Tanja Schuck

Über die Autorin
Tanja Schuck (29) ist eine ehemalige Rennkanutin. In ihrer aktiven Zeit erkämpfte sie sich mehrere nationale und internationale Titel. Darunter unter anderem als siebenfache Deutsche Meisterin, zweifache Weltcup-Siegerin, Vizewelt- und Vizeeuropameisterin. Während ihrer aktiven Zeit als Sportlerin studierte sie Psychologie und Sportpsychologie an der Humboldt-Universität Berlin, der Universität Leipzig und der Martin-Luther-Universität Halle. Eine geeignete Möglichkeit das Wissen aus dem Leistungssport und der Psychologie zu verbinden, fand sie in der Wirtschaft. Aus diesem Gedanken hat die ehemalige Leistungssportlerin eine Coachingfirma und eine Aus-, Fort- & Weiterbildungsakademie gegründet. Sie arbeitet dabei teilweise auf unkonventionelle Weise als (sport)psychologischer Coach mit Führungskräften, Leistungs- bzw. Breitensportlern und Privatpersonen. Aus ihrer eigenen sportlichen bzw. wirtschaftlichen Erfahrung kann sie darüber berichten, was es heißt mit Niederlagen umzugehen und einmal mehr aufzustehen als hinzufallen. Getreu dem Motto: »Erfolg ist planbar – vom Start bis zum Ziel!«

03. März 2015

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