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Raus aus der Opferrolle: Selbstverteidigungstipps für Frauen

Frau wehrt sich

Die Fähigkeit, sich als Frau erfolgreich gegen einen (körperlich überlegenen) Aggressor zu verteidigen, lässt sich sicherlich nicht anhand eines Artikels vermitteln. Dies geht nur durch ein gezieltes Training unter fachkundiger Anleitung. Allerdings geht ein gutes Selbstverteidigungskonzept weit über „normale“ Kampftechniken hinaus, die in den klassischen, fernöstlichen Kampfsportarten vermittelt werden. PULSTREIBER möchte Möglichkeiten aufzeigen, Gewalttaten durch entsprechendes Verhalten bereits im Vorfeld zu vermeiden und Euch Tipps bei der Suche nach der richtigen Selbstverteidigungsmethode geben.

Unscheinbar und unspektakulär - Ein Tatort- und Täterprofil

Glaubt man der beliebten Fernsehreihe „Tatort“, ereignen sich Gewalttaten an Frauen meist in dunklen Parks, Tiefgaragen oder einsamen Gassen. Auch wenn solche Szenarien existent sind, so stellen sie nicht die Regel dar. Mehr als die Hälfte der Sexualdelikte und Gewalttaten sind sog. Beziehungstaten (Täter und Opfer kennen sich) und ereignen sich in der eigenen Wohnung oder der des Täters und können zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden. Diese „Normalität“ bezieht sich auch auf das Täterprofil - so ist es eben nicht immer der bärtige Hüne, der unerwartet aus dem Gebüsch hervorspringt. Häufig handelt der Täter aus unkontrollierbaren Impulsen bzw. aufgrund einer geistigen Störung. Er wirkt oft normal und unscheinbar. Gerade diese Unscheinbarkeit macht ihn so gefährlich, da man ihm Gewalthandlungen nicht zutrauen würde. Daher kann der Täter auch ein „guter Bekannter“ sein, der vorübergehend aufgrund von Alkohol bzw. Drogenkonsum die Kontrolle über sich verloren hat und Verhaltensweisen des Opfers (knappe Kleidung, koketter Blick, …) als Animation wertet.

Nur Schwache sind Opfer

Bei allen Versuchen, die Täter zu katalogisieren, trifft man auf eine wichtige Gemeinsamkeit. Fast alle Angreifer handeln aus einer Position der Stärke und Überlegenheit und suchen sich in der Regel ein ängstlich und unsicher wirkendes Opfer. Selbstbewusste Frauen und Mädchen, die sich nichts gefallen lassen und ihre Grenzen deutlich machen, werden selten angegriffen. Bevor es also an das Erlernen körperlicher Selbstverteidigungstechniken geht, ist es für Frauen und Mädchen extrem wichtig, ihre Aufmerksamkeit zu schulen und ihre psychologischen Möglichkeiten zur Konfliktvermeidung im Vorfeld auszureizen. Dabei können schon Körpersprache, Mimik und Aussprache signalisieren: „Ich bin stark, ich bin kein Opfer!“. Dies bedeutet auch, sich nichts aufzwingen zu lassen und sich zu nichts überreden zu lassen. Sage mit Worten und Körpersprache deutlich „Nein!“, wenn du etwas nicht willst. Ein gesundes Misstrauen kann ebenfalls Unannehmlichkeiten vermeiden. Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. Besonders junge Frauen bringen sich durch Naivität oft in eine gefährliche Lage. Bei Vorstellungsgesprächen, Einladungen zum Vortanzen, Fotoshootings oder Modelcastings solltest Du dich vorher genau über Deinen Gegenüber informieren und, wenn möglich, immer eine Begleitperson mitnehmen. Sollten erste Treffen etwa in einer Privatwohnung stattfinden, ist von einem Besuch dringend abzuraten.

Stillhalten oder Wehren?

Noch vor Jahren wurde Frauen geraten, sich bei Angriffen nicht zu wehren, da sie sonst den Täter unnötig provozieren würden. Polizeistatistiken zeigten aber deutlich, dass in mehr als dreiviertel der Fälle die Frau sich durch ihre Gegenwehr erfolgreich schützen konnte, so dass mittlerweile ganz klar empfohlen wird, massive Gegenwehr zu leisten. Dies gilt auch für untrainierte Personen. Sich wehren bedeutet nicht, den Gegner mit einem gezielten Kung-Fu-Tritt außer Gefecht zu setzen, sondern jede Handlung die dazu dient den Angreifer aufzuhalten, Zeit zu gewinnen und Hilfe zu holen. Allerdings sollte auch hier relativiert werden: Dies betrifft bewaffnete Angriffe, aber auch die generelle Überlegung, ob es sich z.B. lohnt, seine eigene Handtasche gegen zwei gewaltbereite Junkies zu verteidigen. Falscher „Ehrgeiz“ ist hier fehl am Platz.

Untrainiert verteidigen, aber wie?

Leider helfen zu wenig Menschen, wenn jemand in Gefahr ist. Trotzdem solltest Du versuchen, gezielt jemanden anzusprechen, wenn Du in der Öffentlichkeit belästigt wirst. Da kann auch eine schwächere Person ein Hilfe sein, wenn sie sofort die Polizei ruft oder sich um tatkräftige Hilfe bemüht. Auf dich alleine gestellt, hast Du trotzdem Möglichkeiten, vor allem, wenn Dein Angreifer dich unterschätzt. Allein schon die Tatsache, dass sich sein vermeintlich schwächeres Opfer mit aller Konsequenz wehrt, kann schon dazu führen, dass der Angreifer von Dir ablässt. Wird es ernst, lass Dir nichts gefallen, wehre Dich mit ganzer Kraft und ohne Hemmungen. Du kannst mit dem Kopf stoßen, schlagen, treten, kratzen, beißen, strampeln, schreien. Auch ein stärkerer (männlicher) Aggressor hat Schwachstellen (z. B. Augen, Kehlkopf, Hoden, Trommelfell, Schienbein, Finger). Ein Angriff auf diese Stellen kann den Angreifer im besten Fall zeitweise kampfunfähig machen bzw. ihn genügend ablenken, um die Flucht in sicheres Gelände zu ergreifen. Als Minimalvariante ohne spezielles Training hilft es, Verteidigungssituationen im Kopf durchzuspielen und sich zu überlegen, welche Mittel man zur Verfügung hat und wie man sie einsetzen kann. Dies gilt auch für Hilfsmittel, die sich als Waffe nutzen lassen. Dabei sollte man sich die Situationen vorstellen, vor der man am meisten Angst hat und diese in allen Variationen durchspielen. Mit der richtigen Portion bildlicher Phantasie lassen sich bei diesen Übungen schnell ein erhöhter Puls und eine innerliche Aufgeregtheit als Vorgefühl auf eine echte Verteidigungssituation hervorrufen. Im Ernstfall ist man froh dieses Gefühl schon einmal erlebt zu haben. Ein richtiges Training mit einem „echten“ Partner können Mentalübungen dieser Art jedoch nicht ersetzen.

Selbstverteidigungstraining – was ist zu beachten?

Realistische Selbstverteidigung sollte einer Frau bzw. einem Mädchen in absehbarer Zeit sowohl mentale als auch körperliche Selbstverteidigungstechniken vermitteln. Basiswissen kann ein Kurs vermitteln, aber richtiges Erlernen setzt ein regelmäßiges Üben voraus. Nur wo? Bietet nicht fast jeder Kampfsportverein bzw. jedes Fitnesscenter Selbstverteidigungstraining an? Was ist am effektivsten? Selbstverteidigung für Frauen ist kein Sport nach Regeln, sondern knallharte Realität und sollte nicht nur nebenbei mit ins Training eingeschoben werden. Ein gutes Selbstverteidigungstraining ist ernstfallorientiert und auf die Bedürfnisse einer Frau zugeschnitten. Somit fallen alle Kampfsportvereine weg, die von zwei Stunden Training dem Selbstverteidigungsaspekt gerade mal 10 Minuten geben und unrealistische Techniken vermitteln. Was nützt es mir als Frau, wenn ich nach einem Jahr Karatetraining einen kraftvollen Tritt beherrsche, aber im Ernstfall diesen nicht ausführen kann, da ich vor Panik kaum Luft holen kann und vielleicht sogar Stöckelschuhe und einen engen Rock trage? Rein vom Selbstverteidigungswert ist hier eine Handballerin besser dran, die ihren Angreifer mit dem gezielten Wurf eines Aschenbechers ausschalten kann. Eine überspitze Darstellung, die aber deutlich macht, dass im Ernstfall nur konsequentes Handeln und praxisorientierte Mittel entscheiden. Um dies zu vermitteln, sollte ein Trainingsprogramm für Frauen besonderen Wert auf die mentale Vorbereitung, das Stärken des Selbstbewusstseins und den Abbau von Hemmungen/Ängsten ausgerichtet sein. Im technikorientierten Teil sollten effektive Techniken vermittelt werden, die schnell zu erlernen sind und auch in Alltagskleidung anwendbar sind. Der praxisorientierte Teil sollte Verteidigungssituation unter vollem Einsatz (mit Schutzausrüstung) trainieren. Die eigene Kraft einzuschätzen, unter Druck richtige Entscheidungen zu treffen und frei von Panik effektiv zu reagieren, ist das oberste Ziel. Im Rahmen dieser Kampfübung sollte auch ein stärkerer Angreifer als Trainingspartner fungieren.

Waffen & Alltagsgegenstände zur Selbstverteidung?

Spray

Finger weg von Waffen! Um damit umgehen zu können, ist eine entsprechende Ausbildung und ständige Übung notwendig. Eine Waffe kann schnell gegen einen selbst gerichtet werden, wenn der Täter sie einem abnimmt. Waffen können auch zu Panikreaktionen des Täters führen. Dazu zählen auch Gaspistolen, Elektroschocker und Pfefferspray. Bei falscher Anwendung oder ungünstigen Gegebenheit (z. B. Gegenwind) kann aus der Benutzung schnell ein Eigentor werden. Fraglich ist zudem, ob man diese Hilfsmittel im Ernstfall rechtzeitig zur Hand hat. Empfehlenswert ist es, sich von Anfang an Gedanken zu machen, wie sich Alltagsgegenstände als Waffe einsetzen lassen. Eine schwere Damenhandtasche kann man zum Zuschlagen benutzen, harte Gegenstände in Reichweite sind ebenfalls als Waffe zu gebrauchen (Autoschlüssel, Aschenbecher, Spazierstock, Schirm). Nicht unterschätzen sollte man auch die Schockwirkung von Gegenständen, die dem Gegenüber ins Gesicht geworfen werden (Bücher, Sand, Steine… ). Auch eine Deodorant kann ins Gesicht gesprüht sehr unangenehm für den Angreifer sein.

Foto: Nug Mui Kampfkunstschule Dresden / Jörg Eckstein
Text: Stefan Mothes

11. Februar 2015

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