Training

Verrückt oder genial? Ungewöhnliche Trainingsmethoden, die beeindrucken

Bodybuilder mit einer bunten Clownmaske

Besondere Menschen gehen besondere Wege. Wege abseits des Normalen. Gerade bei Sportlern findet man diesen Fanatismus, diese Verrücktheit in Reinkultur. Ich selbst war in meiner Jugend nicht anders. Auf dem Höhepunkt meiner Kampfsportbegeisterung habe ich Rückwärtssaltos von der Garage meiner Eltern gemacht und bin nachts mit meinem ebenso durchgeknallten Kumpel im Ninja-Anzug durch die Stadt geschlichen. Ich erinnere mich auch an eine Trainingseinheit mit meinem Box-Trainer Gerhard Schobert (der in seiner Amateurzeit unter anderem Sven Ottke und Dariusz Michalczewski besiegte). Da die Sporthalle geschlossen war, wollten wir zur Wettkampfvorbereitung draußen an den Pratzen ein Schlagtraining absolvieren. Leider begann es zu diesem Zeitpunkt sehr stark zu regnen. Gerhard schlug deshalb vor, in die Klinik zu fahren, in der seine Freundin arbeitet. Dort haben wir dann im gerade freien Obduktionssaal trainiert. Sehr makaber. Aber am Ende fast normal, wenn man bedenkt, wie und unter welchen Umständen manch andere Sportler trainiert haben. Keines der beschriebenen Trainings ist zur Nachahmung empfohlen.

Joe Frazier und das Schlachthaus

Der Boxer Joe Frazier war, ähnlich wie Mike Tyson, trotz seiner vergleichsweise geringen Körpergröße zu seiner Zeit eine Macht im Schwergewicht. „Smoking“ Joe Frazier kannte nur eine Richtung: nach vorne. In seiner Glanzzeit fügte er Muhammad Ali die erste Niederlage zu und lieferte sich später in ihrem dritten Aufeinandertreffen im „Thrilla in Manila“ einen legendären Kampf, der beide Boxer an den Rand des Todes brachte. Wer sich für Boxen interessiert, kennt sicherlich die Filmreihe „Rocky“. Im ersten Teil besucht Rocky seinen Freund Paulie im Schlachthaus. Im Streit schlägt Rocky Balboa auf die dort aufgehängten Ringerhälften ein, was Paulie später für ein paar Dollar als Rockys Spezialtraining für die Presse verkauft. Was bei Rocky reine Fiktion ist, war bei Joe Frazier Realität. Dieser arbeitete für kurze Zeit tatsächlich in einem Schlachthof und benutzte die Rinderhälften notgedrungen als Sandsäcke, um in Form zu bleiben.

Mike Tyson auf Wanderschaft

Über Mike Tyson gibt es genug Verrücktes zu erzählen. Seine Boxkarriere war eine Achterbahnfahrt mit allen Höhen und Tiefen, die man sich vorstellen kann. In Bezug auf sein Training sticht eine Episode (über die er in seiner Biografie erzählt) besonders hervor. Aus Begeisterung für die Kriegskunst las Mike Tyson unter anderem über große Feldherren wie Alexander den Großen. Besonders beeindruckten ihn die enormen Strecken, die seine Krieger auf ihren Feldzügen täglich zu Fuß zurücklegten. Als er bei seinen ersten Selbstversuchen an seine Grenzen stößt, betreibt er weitere Recherchen und findet heraus, dass die damaligen Soldaten auf ihren Gewaltmärschen „high“ waren (Zitat aus dem Buch: „…the history of war is he history of drugs…“. Also führte auch Tyson von da an unter Cannabis und Alkohol seine Märsche durch, die oftmals mehr als 40km betrugen. Auch wenn er selbst zugibt, dabei im Kopf komplett kaputt gewesen zu sein, begründete er seine Topform im Kampf gegen den Briten Julius Francis mit diesen „Wanderungen“ und die dadurch gewonnene Fitness.

David Goggins – Wo ein Wille ist, da sind auch Kilometer

160km (100 Meilen) in unter 24 Stunden zu laufen, ist etwas, an das sich nur die härtesten Ultraläufer wagen. Nicht so der Ex-Navy Seal David Goggins. Um für eine Stiftung Geld zu sammeln, nahm der muskelbepackte Marine, der zuvor noch nie einen Marathon gelaufen war, im Jahre 2005 am „San Diego One Day“ teil, um in weniger als 24 Stunden 100km zu bewältigen. Um diese Verrücktheit noch zu toppen, absolvierte er am Vortag mit seinem ehemaligen Drill-Sergeant noch ein hartes Beintraining im Kraftraum. Trotzdem schaffte er das Unmögliche: Unter Qualen bewältige Goggins die 160km in 18 Stunden und 56 Minuten, obwohl er während des Laufes Nierenversagen erlitt und Ermüdungsbrüche in den Unterschenkeln hatte. Nach dem Lauf, in der er nach eigener Aussage die schlimmsten Schmerzen seines Lebens durchlebte, brach er komplett zusammen. Wenige Wochen später lief er – kaum von dieser Tortur erholt - seinen ersten offiziellen Marathon in 3 Stunden und 8 Minuten. In der Folgezeit schaffte es Goggins trotz seines anstrengenden Arbeitspensums als Navy Seal, sich in die nötige Form zu bringen, um den „Badwater 135“ - mit 217km Länge einer der härtesten Ultramarathons der Welt - zu bezwingen. 2013 zeigte er, dass er neben Ausdauer auch Kraftausdauer besitzt. In einem Rekordversuch schaffte er in 17 Stunden unglaubliche 4.030 Klimmzüge.

Paul Anderson und der Tresor

Bei der Frage nach dem stärksten Mann, der je gelebt hat, fällt unweigerlich der Name Paul Anderson. In den 50er Jahren vollbrachte er Kraftakte, die auch nach heutigen Maßstäben immer noch Weltspitze sind bzw. bis heute nicht übertroffen wurden. Der 1,79 m große und zeitweise über 160 kg schwere Anderson stemmte nicht nur über 500 kg in der Kniebeuge, sondern hob auch eine 2.835 kg schwere Plattform auf seinem Rücken, was ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Da es damals weder gut ausgestattete Fitnessstudios noch Geschäfte mit professionellem Trainingsequipment gab, bastelte Paul Anderson seine Geräte selbst. Er war sehr erfinderisch und benutzte Eisenketten, Pflüge, Achsen, Traktorräder, mit Beton gefüllte Eisenfässer und sogar einen Safe. Dieses mit Beton gefüllte Ungetüm, das schätzungsweise über 1.000 kg wog, hob er mit einem Hüftgurt über ein Podest, um seine Bein- und Rückenmuskulatur zu stärken. Bei seinem Training konzentrierte sich Anderson meist auf eine gezielte Übung pro Trainingstag, die er immer wieder durchführte, unterbrochen von längeren Erholungspausen. Kniebeugen, die er für die wichtigste Kraftübung hielt, führte er jeden zweiten Tag durch.

Die mächtigen Schultern des Doug Hepburn

Der Kanadier Doug Hepburn war neben dem Amerikaner Paul Anderson einer der stärksten Männer im Kraftsport, der trotz eines angeborenen Klumpfußes phänomenale Kraftakte vollbrachte. Um sein Training und seinen enormen Appetit zu finanzieren, arbeitete der junge Doug unter anderem als Bademeister und Rettungsschwimmer. In seiner Freizeit trainiert er seine Schultermuskulatur mit Handstand-Liegestützen (aus dem Handstand nach oben drücken). Bei einem Körpergewicht von 138 kg schaffte er 30 bis 40 Wiederholungen am Stück! Diese Serie wiederholte er bis zu 40 Mal am Tag. Wenn es nötig war, hob er das 192 kg schwere Rettungsboot, das normalerweise von drei Männern getragen wurde, über Kopf und schleppte es allein zum Wasser. Entsprechend sah auch sein Speiseplan aus. Bereits zum Frühstück verzehrte er ein großes Steak, sechs Eier, vier dick belegte Toastbrote, eine Schüssel Pudding, eine Schüssel Suppe und fast zwei Liter Milch. Doug Hepburn entwickelte auch das nach ihm benannte Trainingsprinzip, welches hervorragend für den langfristigen und nachhaltigen Aufbau von Kraft geeignet ist (Link am Ende des Artikels).

Kälber, Ochsen, Fleisch und Wein: Milon von Krotos

Milon von Krotos war ein antiker griechischer Athlet und Ringer, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte. Er stammte aus Krotos, einer Stadt in der Region Achaia in Griechenland. Milon von Krotos ist vor allem für seine beeindruckenden sportlichen Leistungen und seine außergewöhnliche körperliche Stärke bekannt. Es wird erzählt, dass Milon von Krotos seine außergewöhnliche Kraft und Ausdauer durch ein spezielles Training mit einem jungen Kalb entwickelte. Als das Kalb noch jung und schwach war, begann Milon es täglich auf seinen Schultern zu tragen. Tag für Tag trug er das Kalb durch die Stadt und die umliegenden Felder. Mit der Zeit wuchs das Kalb und wurde immer schwerer, bis Milon schließlich einen ausgewachsenen Bullen durch die Gegend schleppte. Im Grunde genommen, war dies die Geburt des progressiven Trainings. Stetige Fortschritte durch minimale Steigerung des Gewichtes über einen längeren Zeitraum. Sehr ungewöhnlich übrigens auch die Ernährungsgewohnheiten des Griechen. Der Legende nach aß er täglich 17 Pfund Fleisch, 17 Pfund Brot und trank rund 10 Liter Wein.

Fortsetzung folgt…

Weiterführende Links

Screenshot Joe Rogan Podcast

Buch „Smokin' Joe: The Life of Joe Frazier* (englisch)

Buch “Mike Tyson: Undisputed Truth: My Autobiography"* (englisch)
Buch “Mike Tyson: Unbestreitbare Wahrheit - Die Autobiografie*
Anmerkung: Ich empfehle die englischsprachige Ausgabe. In der Übersetzung geht viel zu viel verloren

Buch: „David Goggins - Can't Hurt Me: Beherrsche deinen Geist und erreiche jedes Ziel*
Podcast: „Joe Rogan Experience #1080 - David Goggins“ (englisch)

Buch: „Strongman: The Doug Hepburn Story* (englisch)
Artikel: “Mehr Kraft und Muskeln mit dem längst vergessenen Doug Hepburn Prinzip!

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Text: Stefan Mothes

17. April 2024

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