Unterwegs

Reisebericht: Kitesurfing in Brasilien

Kitesurfer Thomas Stöhr liebt die Wellen und das Meer. Um den kalten Temperaturen in Deutschland zu entfliehen, entschließt er sich kurzerhand zu einem Trip nach Brasilien. Neben einsamen Sandstränden stößt der Dresdner Funsportler auch auf furchterregende Floße, steckengebliebene Fahrzeuge und atemberaubende Lagunen. Für PULSTREIBER öffnet er sein Tagebuch.

Es war eine spontane Entscheidung, und bekanntermaßen sind diese ja immer die besten. Mitte November vergangenen Jahres kam mir die Idee, dem nasskalten Winter in Deutschland einfach den Rücken zu kehren und dahin zu fliegen, wo die Sonne und gleichzeitig meine größte Leidenschaft warten: zum Kitesurfen nach Brasilien. Sicher, es gibt viele Orte, die schneller zu erreichen sind. Aber nur wenige bieten zu dieser Jahreszeit solch hervorragende Bedingungen zum kiten, entspannen und Seele baumeln lassen. Der Road Trip entlang der brasilianischen Küste verspricht Sonne satt, Wassertemperaturen um die 27°C und einen beständigen, kräftigen Wind aus Südost. Beste Voraussetzungen also, um mich auf dem Kiteboard in die Wellen zu stürzen.

Herzklopfen am Flughafen

Nach einem 15-Stunden-Flug bin ich in Fortaleza, im Norden Brasiliens, gelandet. Vor mir liegen zwei erlebnisreiche Wochen. Die Aussicht nur in Boardshorts bekleidet direkt loszulegen, lässt mein Herz höher schlagen. Der Plan ist, mit noch 20 anderen Leuten vier verschiedene Orte zwischen der Millionenstadt Fortaleza und dem ehemaligen Fischerdorf Jericoacoara anzulaufen – ein Traum für jeden Kitesufer. Die anderthalb Stunden Wartezeit am brasilianischen Zoll ertrage ich dafür gern. Endlich raus aus dem Flughafen, nimmt mich Tour-Guide Jens in Empfang. Obwohl es schon spät ist, treibt mir die Wärme immer noch die Schweißperlen auf die Stirn. Das Gepäck ist schnell auf dem Pickup verstaut. Schon geht’s durchs nächtliche Fortaleza.

20 Kitesurfer und ein Virus

Unsere erste Pousada (portugiesisch: Gästehaus) befindet sich in Cumbuco. Dort treffe ich auf alle anderen Teilnehmer des Trips. Die kommen aus ganz Deutschland und sind genauso vom „Kitevirus“ infiziert wie ich. Einige sind schon das dritte mal dabei. Am Ende der Reise werde ich wissen warum. Das kleine Örtchen Cumbuco hat neben seiner Lage am Meer etwas zu bieten, was Kiter aus der ganzen Welt anzieht: die Lagune Cauipe. Diese liegt nur drei Kilometer nördlich von Cumbuco am Meer, ist allerdings nicht mit diesem verbunden und randvoll mit Süßwasser gefüllt. Nach kurzer Nacht und tropischem Frühstück mit frisch gepressten Säften, Früchten, Pancake und Kaffee geht’s auf direktem Weg mit dem Jeep zur Lagune. Direkt bedeutet in Brasilien gleich am Strand entlang. Der vom Meer geglättete Sand ähnelt dabei einer Hochgeschwindigkeitsstrecke. 100 km/h sind problemlos drin. Und je größer die Hügel auf dem welligen Untergrund, desto höher hebt unser Gefährt ab – ein Supergaudi. Die ersten Eindrücke der Umgebung sind überwältigend: Weißer Strand soweit das Auge reicht, atemberaubende Weiten und ab und zu ein paar mit Palmenblättern bedeckte Strandhüttchen. Dazu kleine Strandbars mit einer bunten Auswahl an frischem Fisch, Schalentieren und köstlichen Caipirinhas. Die Lagune ist nicht all zu groß. Bei ca. 40 Kites auf dem Wasser wird es schon recht eng. Aber irgendwie verteilt sich dann doch alles. Die Welle ist zwar etwas kabbelig, doch im Bereich der Brandung läuft sie sauber. Drei Tage Cumbuco vergehen wie im Flug. Tagsüber auf dem Wasser, abends in einem der zahlreichen Restaurants oder Bars. Das Essen ist meist sehr schmackhaft. Neben Rind und Huhn gibt es Fischgerichte jeder Art. Vor allem das „Restaurante Muda“ hat es mir angetan. Am „Filet Mignon“ und dem Brownie-Eis-Dessert könnte ich mich vergessen.

Spielverderber unter Wasser

Am vierten Tag brechen wir zum zweiten Ziel nach Paracuru auf. In Pecém, zehn Kilometer nördlich von Cumbuco, ziehen einige von uns ihre Kites hoch und fahren downwind, also in die Richtung von der der Wind herweht, die Küste entlang. Pecém erweist sich als besonders guter Spot für Einsteiger. Die Welle ist maximal 1,50 Meter hoch, lässt sich problemlos überwinden und auch ausgezeichnet abfahren. Jedoch verdirbt mir die starke Strömung den Spaß. Deshalb gönne ich mir und den Blasen an meinen Händen eine kleine Pause und genieße auf der Ladefläche unseres Picups den strahlend blauen Himmel. Unsere Unterkunft in Paracuru, „Brisa Soul“, ist eine gemütliche Oase mit Pool, Bar, jeder Menge Hängematten und Ecken zum entspannen. Für die richtige musikalische Unterhaltung sorgen Frederico und Francesco, unsere zwei italienischen Hausherren, die fast jeden Abend Platten auflegen. Es braucht nicht lang, bis ich mich hier rundum wohl fühle. Zum Kitespot sind es lediglich zehn Minuten. Vor Ort gibt es ein Restaurant und auch eine kleine Kitestation. Etwas zu Essen bekommt man immer. Auf Equipment-Verleih hingegen ist nicht hundertprozentig Verlass. Verlass ist dafür auf den Wind. Der bläst wie gewohnt von rechts. Bei Ebbe habe ich so einen perfekten Flachwasser-Punkt, da die Wellen an einer vorgelagerten Sandbank brechen. Was mir sofort auffällt: Paracuru ist viel brasilianischer als z.B. Cumbuco. Auf dem Marktplatz bieten die Einheimischen Fleisch, Käsespieße und kühle Bierchen an. Für Feinschmecker bieten zahlreiche Restaurants Hummer, Langusten und Schrimps. Zeit, mich durch sämtliche brasilianische Spezialitäten zu kosten, bleibt mir leider nicht. Schon am nächsten Tag brechen wir zur nächsten Etappe auf. Nach einigen Kilometern Landstraße setzen wir die Fahrt am Strand fort.

Vier Euro fürs Schwitzen

Wenig später stehen wir an einer Flussmündung und kommen nicht weiter. Am Ufer liegt ein Holzfloß. Von einer Fähre ist weit und breit nichts zu sehen. Der Mann auf dem Floß winkt uns zu sich. Nach kurzem Gespräch wird klar, dass er hier eine „Autofähre“ betreibt. Eine Fahrt kostet umgerechnet vier Euro. Über zwei Holzbohlen hieven wir den Pickup hinauf. Unser Fahrer gerät dabei mächtig ins Schwitzen, denn die Fähre ist gerade mal 20 Zentimeter länger als der Jeep. Eine halbe Stunde später ist alles überstanden. Was folgt sind zwei weitere Überfahrten mit der Fähre, die Durchquerung eines Mangrovenwaldes und eine scheinbar nicht enden wollende staubige Waschbrettpiste. Zwischendurch helfen wir noch einem anderen Geländewagen aus einem Schlammloch. Erst dann erreichen wir Itarema. Das Quartier liegt diesmal direkt an einer langen Lagune mit Zugang zum Meer. Zwischen Frühstückstisch und Wasser liegen bei Flut gerade mal zehn Meter Sandstrand. Herrlich. Als wir am elften Tag wieder die Jeeps beladen, ist die Vorfreude auf unser letztes Reiseziel, Jericoacoara, groß. Drei Kilometer vor Jeri werden wir in Prea auf´s Wasser gehen und einen Downwinder entlang der Steilküste bis zu unserem Ziel machen.

Fischerdorf als Kiter-Mekka

Auf diesem Weg haben nur wenige vor uns das frühere Fischerdorf erreicht. Mittlerweile ist Jeri ein Urlaubsort für viele Brasilianer aus dem Süden, Ziel für Aussteiger von überall her und ein Mekka für Windsurfer und Kiter aus aller Welt. Die Straßen sind unbefestigt und bestehen nur aus Sand. Nicht selten kommt einem beim bummeln durch die vielen kleinen Gassen das ein oder andere Pferd entgegen. Jericoacoara besteht hauptsächlich aus Pousadas und Hotels. Essen gehen ist in Jeri kein Problem. Bisher kenne ich keinen Ort, außer Las Vegas, an dem es mitten in der Wüste so viele Restaurants und Kneipen gibt wie hier. Zum Kiten fahren wir fünf Minuten am Strand Richtung Norden – genau der richtige Platz zum Austoben. Downwinder über 10 – 20 Kilometer sind dort kein Problem. Ein bis zwei Meter hohen Wellen laufen perfekt über die Sandbänke. Was mich auch hier jedoch am meisten fasziniert, ist der Ausflug zur naheliegenden Lagune – ein absolutes Muss für jeden Kite-Fan. Gefüllt mit Süßwasser findet das Kiterherz hier alles, was es begehrt: Vor allem Platz im Überfluss und einen, zwar leicht böigen aber trotzdem gut fahrbaren Wind. Sich von diesem Paradies wieder zu verabschieden, fällt nicht leicht. Als ich zwei Tage später im Flieger sitze, bin ich mir sicher, dass ich nicht das letzte Mal in Brasilien war. Dafür hat mich dieses absolute Gefühl von Freiheit, das einen begleitet, wenn man fünf Meter über dem türkisblauen Wasser dahinfliegt, viel zu sehr in seinen Bann gezogen.

Fotos: Thomas Stöhr, privat

18. Juni 2015

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