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Interview: Wim Hof

Wim Hof

Wim Hof, genannt »The Iceman« ist ein menschliches Weltwunder. Um zu beweisen, wie der menschliche Geist den Körper beeinflussen kann, verbrachte er nicht nur 1 Stunde und 53 Minuten in einer mit Eis gefüllten Box, sondern lief auch einen Marathon in der Wüste, ohne dabei ein Schluck Wasser zu trinken. Selbige Distanz lief der Niederländer bei minus 20 Grad auch in Finnland. In Badehose und Sandalen! Kaum eines seiner unzähligen Abenteuer hätte er nach Ansicht der Experten überstehen können, aber der »Eismann« setzte sich jedes Mal über die medizinischen Grenzen hinweg. Wim Hof sieht in diesen Extremen jedoch keine Effekthascherei oder Rekordjagd, sondern einen Weg, seine Botschaft zu verbreiten: Die Kälte ist dein Freund. Lerne und profitiere von ihr!

Normalerweise hält man sich von der Kälte fern. Wie hast du gelernt, sie zu lieben?
Ich war 17 Jahre alt und wie jeder Jugendliche auf der Suche nach meiner Bestimmung. Einer Sache, die mich begeistert und meinem Leben Sinn gibt. Diesen hoffe ich, in der Natur zu fiden. Als ich eines Tages zum Schwimmen ins kalte Wasser stieg, fühlte ich etwas Besonderes. Die Kälte und die Elemente der Natur verschafften mir ein Gefühl, eine Wahrnehmung, die mich heute noch begleitet. Ich rannte barfuß durch den Schnee und später versuchte ich mich in Atemübungen. Bald danach konnte ich schon rund sieben Minuten ohne Luft in einem Eisloch aushalten. Ich spürte, dass ich hier auf etwas Besonderes gestoßen bin.

Was ist das Besondere an der Kälte?
Ich sage immer wieder: Die Kälte ist eine noble Kraft. Sie ist nicht unser Gegner. Sie kann uns helfen, zu uns selbst zu finden und unser Immunsystem zu beeinflssen. Dies hielt die Wissenschaft vorher für unmöglich. Mittlerweile ist es erwiesen. Nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern auch durch Messungen der Gehirnströme. Aktuell arbeite ich mit der Universität Hannover zusammen, aber auch die Universitäten Standford und Detroit haben sich bereits damit beschäftigt.

Was bewirkt es, sich regelmäßig der Kälte auszusetzen?
Unsere Venen sind von kleinen Muskeln umringt, die sich bei starkem Kälteeinfluss zusammenziehen. Wie auch im Sport reagiert ein Muskel auf regelmäßige Stimulation und wird stärker. Durch regelmäßiges Training werden Venen und Muskeln »fitter«. Dies führt zu einer Entlastung des Herzens, da dieses weniger Kraft aufwenden muss, um Blut durch die Muskeln zu pumpen. Regelmäßiges Kältetraining stärkt das Immunsystem und führt nebenbei auch zu besserer Laune. Dies wurde objektiv in Studien mit depressiven Patienten bewiesen.

Für die Medizin müsste dies doch ein Meilenstein sein, oder?
Ist es auch. Nur kann man damit nicht viel verdienen. Schnee, kaltes Wasser und frische Luft sind umsonst. Trotzdem ist das Interesse der Wissenschaft geweckt worden und ich bin froh, zu zahlreichenden bahnbrechenden Experimenten meinen Beitrag geleistet zu haben.

Wie funktioniert die WimHof-Methode genau?
Die Wim-Hof-Methode lehrt, den Körper über Atemübungen bis in die letzte Faser der Körpers mit Sauerstoff zu sättigen. Man kann es ein kontrolliertes Hyperventilieren nennen. Wichtig ist das ständige Bewusstsein des eigenen Körpers und des Geistes. Danach kann mit kalten Duschen und später mit Eisbädern begonnen werden. Bei meiner Methode gibt es keinen Zwang und keinen Druck. Der Körper passt sich von selbst an, manchmal schneller, manchmal langsamer. Man ist fähig, die Luft länger anzuhalten und länger kalte Temperaturen zu ertragen, später sogar zu genießen. Ich warne jedoch davor, ohne Betreuung eines Experten Tauchübungen im Schwimmbad zu absolvieren oder gar zu versuchen, so lange wie möglich in eisigem Wasser auszuhalten. Körperbewusstsein hat nichts mit Rekorden zu tun!

Man sieht dich häufi in yoga Posen. Ist yoga ein Teil deiner Methode?
Nein, ich selbst praktiziere ein wenig Yoga, aber für das, was ich verbreite, geht es nur um drei Dinge: Atmung, Einstellung, Kälte.

Wer kann von deiner Methode profitieren?
Jeder! Sicherlich bin ich in extreme Sphären vorgedrungen, aber dies habe ich getan, um das Auge der Wissenschaft auf mich zu lenken und meine Botschaft zu verbreiten. Ich bin kein Superman. Jeder kann von der Kälte lernen und durch sie mehr Gesundheit, Lebensfreude und inneren Frieden finden. Leistungssportler profitieren durch die höhere Sauerstoffsättigung des Körpers zudem von einer Entsäuerung und Alkalisierung des Blutes, wodurch Ermüdungserscheinung abgeschwächt und die Regenerationsfähigkeit des Körpers beschleunigt wird.

Ist es notwendig, den Körper ständig der Kälte auszusetzen?
Den Körper regelmäßig und gezielt für kurze Zeit der Kälte auszusetzen, ist das Training. Ständig leicht bekleidet und frierend herumzulaufen ist dasselbe, wie als Kraftsportler ständig eine Hantel zu tragen.

Mittlerweile hast du zahlreiche aberwitzige rekorde aufgestellt. Was waren deine extremsten Herausforderungen?
Offiziell sind es 26 Weltrekorde und noch unzählige mehr, die nicht dokumentiert wurden. Finnland war für mich zweimal Schauplatz der Extreme. Im Jahr 2000 versuchte ich ca. 60 Meter unter dem Eis zu tauchen. In der eisigen Kälte verschwamm meine Sicht, ich verrechnete mich beim Zählen meiner Schwimmzüge und schwamm am Eisloch vorbei. Ich drehte um, kämpfe gegen die Klaustrophobie und suchte die Öffnung im Eis. Kurz bevor mir die Sinne schwanden, rettete mich ein Taucher. 2009, ebenfalls in Finnland, lief ich einen Marathon und zog mir ernsthafte Erfrierungen in den Füßen zu. Auch mein Versuch, den Mt. Everest zu besteigen, trieb mich an die Grenze. Immerhin kam ich ohne Akklimatisierung und – wie immer – nur mit kurzen Hosen bekleidet bis 7.400 Meter. Den Gipfel konnte ich aufgrund der Wetterlage nicht erreichen, Jahre später aber in Rekordzeit den 5.895 Meter hohen Kilimandscharo.

Aber du bist weder Schwimmer, noch trainierter Läufer. Wie ist das möglich?
Nur Ermüdung verhindert, dass man längere Distanzen schwimmen oder laufen kann. Durch die Reduzierung der Milchsäureanreicherung in der Muskulatur und ein besseres Verwerten des Sauerstoff wirke ich dem entgegen. Wie das funktioniert habe ich bereits angesprochen.

Ist dir eigentlich ein Eisbad lieber als eine warme Dusche?
Ich liebe es, meinen Körper bewusst zu spüren. Hitze und Kälte ermöglichen mir dies am besten. Natürlich bin ich auch ein klein wenig verrückt. Vor allem nach meiner Familie und meiner Frau.

Kann man von dir in naher Zukunft noch Rekorde erwarten?
Zurzeit bin ich über jede ruhige Minute froh, da ich sehr viel für Vorträge und Studien reise. Erst kürzlich gab ich in den USA einen Workshop für »Beyoncé« und »Jay Z« und fliege Ende der Woche schon wieder nach Australien. Sicherlich wäre ich noch zu einigen spektakulären Sachen in der Lage, aber wozu? Ich bin jetzt 59 Jahre alt und habe zur Genüge bewiesen, zu was der Mensch in der Lage ist. Vor kurzem wollte ich Zauberkünstler und Stuntman David Blaine, der 17 Minuten die Luft anhalten kann, zu einem Duell über 100 Meter unter dem Eis schwimmen herausfordern, aber daraus wurde leider nichts.

Bei alle deinen herausragenden Leistungen bist du Familienvater, liebst Musik, spielst Gitarre, malst und hast dir irgendwie das Kind in dir erhalten. Wie machst du das?
Wenn Kinder spielen, denken sie nicht bewusst. Sie fühlen. Sie leben. Erst später übernimmt die Vernunft die Oberhand. Dann kommen Gedanken und Probleme. Wir brauchen unseren Verstand, aber er darf nicht die Emotion ersetzen. Der Geist muss auch zur Ruhe kommen können. Im eisigen Wasser denkst du nicht, da fühlst du nur noch. Dann bist du wieder bei dir selbst und fühlst in aller Klarheit deinen Körper und das Leben, welches er repräsentiert.

Die Wim-Hof-Methode im Selbstversuch

Wim Hof Method

Für 179 Euro bietet Wim Hof ein 10-Wochen-Programm an, in dem man über ein Online-Coaching seine Methode erlernen kann. Jede Woche besteht aus Atemübungen und Kälteanwendungen, in der zweiten Hälfte auch aus ausgesuchten Yogaübungen. Die Übungen werden in detaillierten Videos und einem Arbeitsbuch erklärt, welches man sich herunterladen kann. Geübt werden sollte mindestens fünfmal pro Woche. Der Einstieg gestaltet sich relativ leicht und führt langsam an schwierigere Herausforderungen heran. Gerade diese zwanglose Herangehensweise hat mir sehr gut gefallen. Waren die kalten Duschen zu Beginn noch recht unangenehm, konnte ich nach fünf Wochen bereits zehn Minuten unterm eiskalten Wasser aushalten, ohne mich dabei zu quälen. Auch die Atemübungen schlugen sehr gut an. Am Ende des Kurses konnte ich mit vorbereitender Atmung vier Minuten die Luft anhalten, ohne Luft in den Lungen (ausgeatmet) immer noch zwei Minuten. Mit fortschreitender Praxis hat sich auch meine Einstellung zur Kälte entwickelt, die ich mittlerweile nur noch als »das andere Warm« beschreiben würde. Meine oftmals verstopfte Nase wurde frei, die Schlafqualität besser und meine Regenerationszeit nach anstrengendem Training nahm ab. Trotzdem gab es auch Rückschläge, schlicht und einfach, weil ich zu schnell fortgeschrittene Übungen probieren wollte und aus manchen Sachen einen Wettbewerb gemacht habe. So soll es aber nicht sein und darauf weist Wim Hof auch explizit hin. Daraus bin ich schlauer geworden und habe auch mal eine Woche wiederholt, wenn ich das Gefühl hatte, noch etwas Zeit zu brauchen. Wenn auch nicht immer alles genau nach Plan läuft, kann ich durchaus sagen, dass ich 90 Prozent der Zielstellung erreicht habe und das Programm ein klarer Gewinn für mich war. Die erlernten Übungen gehören mittlerweile zu meinem Alltag und ich freue mich schon auf mein erstes echtes Eisbad in der freien Natur. Der 10-Wochen-Kurs und seine Zielsetzung sind auf der Webseite sehr gut erklärt, allerdings zurzeit nur in Englisch. In der dazugehörigen Facebook-Gruppe fiden sich jedoch auch zahlreiche deutschsprachige Mitglieder, die Fragen gerne beantworten.

Wim Hof in Aktion

Interview & Kommentar: Stefan Mothes | Fotos: Enahm Hof, Wim Hof | Videodokumentation: VICE Media LLC

11. Oktober 2016

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