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Interview: Rüdiger Nehberg

Rüdiger Nehberg

In einer Zeit, in der Menschen für Werbezwecke mit dem Fallschirm aus der Stratosphäre springen und medial inszenierte Extreme im Sekundentakt durch die digitale Welt verbreitet werden, wirkt Rüdiger Nehberg schon fast wie ein Dinosaurier. Nichts an Rüdiger Nehberg ist Marketing, Kommerz oder Quotenjagd. Rüdiger Nehberg ist authentisch und nicht nur ein kurzlebiger Rekordjäger. Er brachte das Thema „Survival“ nach Deutschland, als die meisten Dschungelcamp-Teilnehmer noch in den Windeln lagen. Die Ideen zu seinen teilweise lebensgefährlichen Expeditionen entsprangen stets dem Verlangen, sich von den Bequemlichkeiten und Hilfsmitteln der Moderne zu lösen und die Natur auf ihrem ureigenen Terrain zu bezwingen. Dieser idealistisch geprägte Pfad war von Hunger, Durst, eisiger Kälte, sengender Hitze, Entbehrung, körperlicher Erschöpfung und sogar vom gewaltsamen Tod seines Reisegefährten geprägt. Nehberg überquerte mit dem Tretboot den Atlantik, streifte wochenlange alleine durch den Regenwald und zeigt auch bei einem 1000km Marsch quer durch Deutschland, dass Würmer durchaus eine ernst zu nehmende Mahlzeit sind. Mehr als 20 Mal wurde er in fremden Ländern überfallen, aber auch unzählige Male von den Ärmsten der Armen eingeladen und versorgt. Erfahrungen dieser Art machten ihn nicht nur zu einem erfolgreichen Buchautor und gefragten TV-Experten, sondern begründeten auch seine humanitären Projekte, für die er national und international ausgezeichnet und geehrte wurde. Rüdiger Nehbergs Wissen und seine Motive sind zeitlos und spiegeln seine Lebensmottos wieder. Niemand ist zu gering, um etwas zu bewegen und nichts ist zu eklig, um gegessen zu werden, wenn es heißt „Überleben ums Verrecken“. PULSTREIBER sprach mit dem Schleswig-Holsteiner über sein bewegtes Leben und seine Ziele.

Die meisten Menschen sehnen sich nach Bequemlichkeit und Sicherheit. Sie nicht. Warum?
Soziale Verantwortung, Zuverlässigkeit und Mut zum (oder Spaß am) Risiko. Meine Freude am Survival hat mich gelehrt, vor jedem Wagnis alle denkbaren Gefahren oder Probleme zu analysieren und sie mit entsprechenden Vorbereitungen zu minimieren. Aber nie hatte ich den Ehrgeiz, mich total zuzuplanen. Dann wäre das Abenteuer auf der Strecke geblieben. Einem gewissen Restrisiko habe ich immer eine faire Chance gelassen, Fairplay. Sonst wäre ich noch nie über meine Dorfgrenze hinaus gelangt.

Bedeutet Ihr Lebensweg nicht auch eine selbst gewählte Einsamkeit?
Meine Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Mehr brauche ich auch nicht. Die Partner und Bekannten hingegen sind unzählbar. Partys, Society, Small Talk habe ich immer schon meiner „Einsamkeit“ vorgezogen. Das gibt mir den nötigen Freiraum für Kreativität und die Erkundung unbegangener Wege.

Ist das Abenteuerleben gesünder als das Leben in der der Fastfood- und Workaholic-Gesellschaft?
Auf jeden Fall ist Letzteres nicht erfüllender. „Reisen ist tödlich. Vor allem für Vorurteile.“ Das hat schon Mark Twain festgestellt. Mein Wissen um Survival mindert das physische Risiko bestmöglich. Natürlich habe ich auch einen zuverlässigen Schutzengel. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Sonst wären die vielen Überfälle, denen ich ausgesetzt war, nicht so glimpflich für mich abgelaufen. Die Konfrontation mit der Natur, meist ohne nennenswerte Ausrüstung und Bewaffnung, mit den Füßen über Monate durch Wüsten oder auf einem massiven Baumstamm und seinem Hintern über den Atlantik als Fortbewegungsmittel, haben mir keinen Schaden zugefügt. Was mich behinderte, habe ich rechtzeitig rausoperieren lassen. Zum Beispiel die ermüdenden Krampfadern, Blinddarm, Mandeln, (...). Die verbliebene „Restsubstanz Rüdiger“ hat das Manko kompensiert und mir das Glück beschert, mich dennoch als vollwertiges Lebewesen zu erfahren. Eines, das notfalls ohne den Luxus der Zivilisation in der Wildnis überleben kann. Dennoch liebe ich das Leben in der Heimat genauso. Durch den Vergleich mit den Missständen in anderen Teilen der Erde weiß ich es ganz besonders zu schätzen. Es sind diese unfassbaren Werte der Demokratie, des nun schon ewig währenden Friedens, des Wohlstandes, der Bildungsmöglichkeiten, der Rechtsgesellschaft. Dafür sind Millionen unserer Vorfahren ermordet worden. Noch nie war unseren Vorfahren seit Adam und Eva ein solches Glück beschieden. Ein fast schon paradiesischer Zustand, der durch die Maßlosigkeit der Gesellschaft und durch globale Veränderungen massiv gefährdet ist.

Sie sind als Abenteurer nicht nur einmal mit echter Lebensgefahr konfrontiert wurden. 1975 musste Sie mit ansehen, wie Ihr Kameramann bei einem Überfall zu Tode kam. Gab es für Sie nie den Punkt, an dem Sie Ihr Glück oder Ihren Schutzengel nicht noch weiter ausreizen wollten?
Damals stand ich tatsächlich vor der Wahl, meine Art Reisen zu ändern oder selbst bald zum Opfer zu werden. Dem stand mein Lebensgrundsatz entgegen: Lieber kurz und knackig als lang und langweilig leben. Daran habe ich mich gehalten. Ich, der gelernte Bäcker, wollte nicht im Sauerteigtrog versauern. Ich intensivierte stattdessen meine Survival-Kenntnisse. Sie wurden meine Lebensversicherung, nachdem keine andere Versicherung meine Reisen versichern wollte (was mich übrigens mit Stolz erfüllte).

Wie kann man sich das Training in einer Sportart vorstellen, die saisonabhängig auf Schnee und eine entsprechende Piste angewiesen ist?
Wie bei jeder anderen Wintersportart auch, geht die Schneesaison von September bis März. Danach gibt es eine Pause von sechs Wochen und schon geht es wieder los: Aufbau der körperlichen Fitness durch Ausdauer- und Krafttraining. Plus diverse Lehrgänge im Schnee auf dem Gletscher.

Macht einen der Anblick unmittelbarer Todesgefahr gläubig oder denken Sie eher pragmatisch?
Grundsätzlich bin ich Pragmatiker. Aber die Unfassbarkeit des Universums hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass es eine Schöpfungskraft geben muss, die sich diesen Wahnsinn ausgedacht hat. Wie auch immer wir sie nennen mögen. Ob Gott, Allah, Schicksal oder, oder, oder. Was ich nie begreifen werde, ist, wie unser aller Schöpfer sich das hat antun können, den Menschen zu erfinden. Deshalb habe ich versucht, ihn bestmöglich zu entlasten und mit meinen Problemen niemals unnötig zu belasten. Außer wenn so manches Mal mein letztes Stündchen geschlagen zu haben schien und niemand anderer zur Stelle war. Dann habe ich gebetet. Aber auch, als ich Ihm meine Vision gegen das Verbrechen der weibliche Genitalverstümmelung vortrug. Diese Idee, den 5000 Jahre alten Brauch mit der Kraft und Ethik des Islam zu beenden, wohl wissend, dass die Strategie dem Zeitgeist zuwider läuft. Er hat mir grünes Licht signalisiert. „Gemeinsam“ haben wir Visionen das Fürchten gelehrt. Wir haben ihnen gezeigt, dass sie sich nicht für unrealisierbar halten sollten. Im richtigen Moment stellte Er mir die richtige Frau (Annette) an meine Seite und ließ uns „TARGET“ gründen, unsere eigene Menschenrechtsorganisation. Sie machte uns unabhängig von den Bedenkenträgern unserer Zeit. Und sie hat uns den beispiellosen Erfolg beschert, als die Führungselite der Muslime auf unsere Initiative hin den Brauch 2006 in Al-Azhar(1) mit einer Fatwa zu einem „Verbrechen“ erklärt hat, „das gegen höchste Werte des Islam verstößt“. Damit wurde die wichtigste Voraussetzung für ein Ende geschaffen, denn etwa 90% der Opfer sind Muslimas. Jetzt ist es eine Sünde, Mädchen das anzutun. Das muss „nur noch“ in die Köpfe der Betroffenen. Da sind wir am Ball. Dann wäre der größte Bürgerkrieg aller Zeiten beendet. Der Krieg der Gesellschaft gegen die Frauen, seit 5000 Jahren, mit immer noch 6000 (sechstausend!) Opfern pro Tag.

Vor was fürchtet sich ein Rüdiger Nehberg überhaupt?
Vor Folter. Oder vor langem Siechtum unter Schmerzen. Deshalb habe ich eine Patientenverfügung hinterlegt. Wenn mir nicht mehr zu helfen ist, darf mein Leben nicht apparativ verlängert werden. Ich möchte Annettes Leben nicht durch mein Siechtum in Mitleidenschaft ziehen. Ihre unbremsbare Tatkraft ist bei TARGET viel besser aufgehoben.

Wie weit muss man gehen, um wirklich in Extremsituationen überlebensfähig zu sein?
Man muss bestmöglich vorbereitet und bereit sein, als Leiche heimzukehren.

Das Essen von Insekten und kreuchendem Getier ist sicherlich nicht Jedermanns Sache. Muss dies überhaupt trainiert werden oder wird das Ekelproblem durch den Hunger von alleine gelöst?
So wird es bei vielen Menschen instinktiv sein. Aber es gibt Geschichten von Gefangenen, die verhungert sind, weil sie Insekten oder Ratten nicht als Nahrung begriffen haben. Oder man denke an das Flugzeugunglück in den Anden, wo die Überlebenden ihre Toten verzehrt haben. Übrigens hat mich inzwischen sogar die UNO rehabilitiert. Sie hat 2000 Insekten zur Nahrung erklärt. Da war ich der UNO um ein halbes Jahrhundert voraus.

Seit Ende Oktober unterstützt du die Kampagne der NABU (Naturschutzbund Deutschland) für den Schutz von Schneeleoparden. Bist du alleine darauf gestoßen oder wurdest du darauf angesprochen?
Diese Unterstützung ging ganz alleine von mir aus. Ich liebe diese wundervollen Großkatzen, sie haben es verdient auf dieser Welt zu bleiben. Dieses Projekt vom NABU unterstützen zu dürfen ist eine Herzens-Angelegenheit.

Wäre es in Deutschland möglich, sich ein Jahr lang völlig autark zu ernähren, ohne Mangelerscheinungen zu erleiden oder dem Nachbarn die Hühner zu stehlen?
Ich würde sagen nein. Die erntelose Zeit ist zu lang. Wirklich nahrhafte Lebensmittel gehören den Bauern. Allenfalls kann man wie ein Obdachloser von den Abfällen der Supermärkte überleben. Oder man mischt sich, gewaschen und rasiert, in edlem Tuch und mit selbstsicherem Auftreten in Großstädten von Empfang zu Empfang und futtert sich durch.

Da wir gerade beim Privaten sind – du bist bereits seit längerem mit dem Nordischen Kombinierer Björn Kircheisen liiert. Zwei ehrgeizige Alphatierchen mit ähnlichen Interessen. Da muss man doch befürchten, dass es entweder dauernd »kracht" oder langweilig wird. Was hält euch in der Balance?
Wir haben uns einfach gesucht und gefunden. Wir haben Verständnis für das, was der andere tut. Das kann definitiv nur jemand, der den gleichen Lebensstil lebt. Sportler sind viel unterwegs, man muss sich vertrauen können. Wir wissen genau, wie man den anderen anpacken muss, bei Erfolg und bei Niederlagen. Wir können uns gemeinsam pushen. Das macht unheimlich viel Spaß und wird nie langweilig.

Neben den psychologischen Aspekten muss ein echter Überlebensexperte auch körperlich fit und leidensfähig sein. Wie kann dies trainiert werden?
Durch Selbst- oder Expertentraining. Auch durch autogenes Training. Als ich mit dem Tretboot über den Atlantik wollte, waren es unter anderem die Kampfschwimmer, die meine Angst vorm Wasser in geordnete Bahnen verwiesen haben. An Händen und Füßen gefesselt ins fünf Meter tiefe Wasser geworfen zu werden, ohne Vorankündigung, war die Aufnahmeübung. Ihr Trainingsmotto lautete: „Lerne leiden ohne zu klagen“. Der Pragmatiker in mir hat sich später erlaubt, das zu optimieren: „Lerne klagen ohne zu leiden“. Das ist viel ökonomischer. Die körperliche Fitness hat mir meine Freude an Bewegung vermittelt. Sie wächst bekanntlich mit der Belastung. Zum Beispiel Radtouren durch Europa und Afrika. Oder tausend Kilometer von Hamburg nach Oberstdorf ohne Nahrung und Ausrüstung zu Fuß. Oder vier Etagen mit Gepäck über die Treppe. Tipp für Masochisten: im Wettkampf gegen den Fahrstuhl. Oder Dauerläufe. Mit und ohne Gepäck, mit und ohne Steinchen im Schuh, mit und ohne Blasen an den Füßen. Die allerletzte Fitness verleiht einem im Ernstfall die Angst.

1996 sind Sie mit 61 Jahren in einem Wettmarsch gegen einen 35-jährigen Ultra-Marathon-Läufer und einen 75-jährigen Aborigine angetreten. Zwar „überlebten“ Sie den austrainierten Spitzensportler, mussten sich aber deutlich dem australischen Ureinwohner beugen. Was konnten Sie daraus ableiten?
Ich fand die Wettstreit-Idee faszinierend, einen wahren Landeskenner, einen Spitzensportler und einen Survivor gegeneinander 700 km durch das australische Outback zu treiben. Jeder für sich auf eigener Route. Ich zog mein Wasser in einem selbst gebastelten Wagen per „kleinem Finger“ hinter mir her. Der Ultra-Marathon- Läufer schleppte es im Rucksack, was ihn in die Knie gedrückt hat. Aber der Alte brauchte gar kein Wasser. Er war an das Klima angepasst, er schwitzte nicht. Er trug seinen Schluck Wasser in einem „Handtäschchen“. Gelernt habe ich, dass jeder Mensch seine Stärken auf seinem Fachgebiet hat. Als wir nach drei Wochen am Ziel eintrafen, wartete der Alte bereits auf uns. „Lasst uns gemeinsam durchs Ziel gehen. Ich würde mich schämen, in meinem Land gegen Fremde zu gewinnen.“

Sind wir mittlerweile wirklich so weit von den Fähigkeiten entfernt, die uns ursprünglich innewohnten? Was nicht gebraucht wird, verkümmert. Manches kommt im Notfall sicher automatisch wieder, aber manches bleibt verschwunden. Wer kann denn noch eine Steinaxt bauen oder mit Feuerstein Feuer machen? Was können wir tun, um zumindest wieder ansatzweise das Potential unseres Körpers und Geistes auszuschöpfen?
Die wichtigste Voraussetzung ist, ein erstrebenswertes Ziel zu haben. Um das zu erreichen, braucht man eine starke Motivation. Sie muss Belastungen standhalten. Beispiel Brasilien, Yanomami-Indianer. Mich motivierte der Umstand, dass ich Augenzeuge ihrer Vernichtung durch eine illegale Armee von Goldsuchern geworden war. Das war Motivation pur. Sie paarte sich mit einer Erfolg versprechenden Strategie. Ich hatte zwei starke „Partner“ auf meiner Seite. Das waren die brasilianische Verfassung und öffentlichkeitswirksame Aktionen. Wenn man außerdem ein gutes Durchhaltevermögen mitbringt, wenn man Fehlschläge als Motivation zu Neuanfängen umfunktioniert, steigern sich die Chancen. Gemeinsam haben wir die Verantwortlichen international unter Zugzwang gebracht. Leider hat das zwei Jahrzehnte gedauert. Diese Erfahrungen wurden zur wichtigsten Voraussetzung für den viel größeren Kampf gegen das monströse Verbrechen Weibliche Genitalverstümmelung. Die Kräfte auf meiner Seite diesmal: der Koran und die Kraft und Ethik des Islam.

Früher hat die Jugend „Winnetou“, „Tom Sawyer“, „Ruf der Wildnis“ und „Die Schatzinsel“ gelesen. Heutzutage sind Smartphones, Computerspiele und das Internet die Inspirationsquellen. Macht Sie das nicht ein wenig skeptisch in Bezug auf die Entwicklung der Gesellschaft und ihr Naturbewusstsein?
Ja, der Kontakt geht verloren. Und Abenteuer erlebt man virtuell. Töten per Tastendruck. Im Verborgenen jedoch schlummert in jedem Tastenvirtuosen die Sehnsucht, es den Helden auf den Bildschirmen nachzumachen. Darum ist Survival, die Rückbesinnung auf Urinstinkte und Urfertigkeiten für alle, die davon erfahren, ein ersehnter Ausgleich. Survival ist durchaus ein boomender Berufszweig.

Empfinden Sie Hass für Menschen, die bewusst aus Profitgier oder Dummheit unsere Natur schädigen und der Pflanzen- und Tierwelt Stück für Stück ihren Lebensraum nehmen?
Ja, es ist eine erbärmliche Verantwortungslosigkeit gegenüber unserem Nachwuchs. Gesetze und deren Einhaltung kommen leider immer zu spät und halbherzig. Wir haben den Verstand und das Wissen, den Weltschaden in den Griff zu bekommen. Aber Egoismus und Habgier werden stärker bleiben. Das lehrt die Geschichte. Es ist schwer, Eigennutzsucht aus den Menschen heraus zu zwingen. Egoismus ist ein Regulativ der Natur. Nur der Stärkste überlebt. Irgendwann werden uns dann Katastrophen zum Umdenken zwingen.

In welcher Rolle sehen Sie die Medien hierbei als Meinungsmacher? Sie selbst sind ja sehr medienpräsent und haben am eigenen Leib erfahren, welchen Schaden und Nutzen die Presse anrichten kann.
Medien sind nur so gut wie der einzelne Mensch. Es gibt verantwortungsbewusste und viele, denen alles am Arsch vorbei geht. Solche, denen nur Quote und Werbeschaltungen wichtig sind, weil Maßlosigkeit unser Leben dominiert. Aber wie umweltfreundlich oder –feindlich sie auch sein mögen, sind sie unbestreitbar eine immense Kraft. Eine Atombombe versteckt hinter 25 Buchstaben.

Auf Ihren Reisen haben Sie viel Gutes, aber auch viel Schlechtes gesehen. Was erachten Sie als Ursache für die teilweise menschenverachtenden und barbarischen Gebräuche in anderen Ländern?
Viele Missstände haben ihre Ursache in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen, in menschlicher Habgier und Machtstreben. Daraus resultiert Armut. Oder mangelnde Bildung. Gäbe es nicht das Aufbegehren Einzelner und Revolutionen großer Gemeinschaften, würden auch wir heute noch im Mittelalter dahin vegetieren. Ich habe die Nazizeit erlebt und erfahren, dass manche Missstände von den Opfern nicht selbst gelöst werden können. Wo es der Hilfe von außen bedarf, wie damals, als uns die alliierten Streitkräfte unter vielen eigenen Opfern an Leib und Leben von den Nazis befreit haben. Meine Vorbilder waren immer Old Shatterhand, Nelson Mandela, Martin Luther King, Mahatma Ghandi und unendlich viele andere. Deshalb habe ich nicht die Kuschelecke meines Sofas als Lebensbereich gewählt, sondern versucht, meinem Leben mehr Sinn und Erfüllung zu geben. Wie mit meinem Engagement bei den Yanomami-Indianern oder den von Genitalverstümmelung betroffenen Frauen. Ethos statt Chaos.

Sie engagieren sich verstärkt für die Menschenrechte bei anderen Völkern. Können Sie uns über die Anfänge und Ihre aktuellen Projekte erzählen?
Anfangs waren meine Reisen geprägt von Neugier auf die Welt, von Freude an Abenteuern. Mein Wissen um Survival hat mich befähigt, auch abseits der Straßen zu reisen. Und dort im Abseits der Welt wurde ich Augenzeuge schlimmer Vorgänge. Ich konsultierte Berthold Brecht. Er riet mir zu kämpfen. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Das leuchtete mir ein. Ich erkannte meine Chancen und habe mich für das Engagement entschieden. Körperlich und materiell. Zwanzig Jahre lang war das der Kampf für die Yanomami-Indianer. Der Sieg für deren Frieden hat mir gezeigt, dass niemand zu gering ist, etwas zu verändern. Er braucht nur eine gute Strategie. Auch gegen den Zeitgeist. Denn „Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen“ (Postkartenschlauheit). Er darf sich von den Berufszweiflern nicht irritieren lassen. „Der Islam ist ja gar nicht dialogfähig“, war da zu hören. Natürlich gibt es Unbelehrbare. Die gibt es in allen Kulturen. Es gibt Krawallahs und es gab und gibt Kreuzzügler. Auf meinen Reisen wie z.B. der viermonatigen Durchquerung der Danakilwüste mit eigener Karawane 1977 hatte ich zum Glück ganz andere Erfahrungen gemacht. Ohne die islamische Gastfreundschaft wäre ich gar nicht mehr am Leben. Zweimal haben mir meine muslimischen Begleiter bei bewaffneten Überfällen mit ihren Körpern als lebende Schilde das Leben gerettet. Ich habe also Differenzieren gelernt und mich zu hüten vor Verallgemeinerungen. Der Erfolg gibt meiner Frau und mir Recht. Die höchsten Würdenträger des Islam haben ihre oft lebenslang vertretene Meinung geändert und weibliche Genitalverstümmelung zur Sünde erklärt. Ägyptens Großmufti Ali Gom’a hatte für unsere Konferenz an der Azhar sogar die Schirmherrschaft übernommen. Welch eine menschliche Größe gehört dazu, sich öffentlich zu einer lebenslang falsch vertretenen Ansicht zu bekennen! Etwas Vergleichbares erleben wir mit den Förderern von TARGET. Man spendet uns, obwohl jeder weiß, mit dem Geld wird muslimischen Mädchen geholfen. Völkerverständigung über alle Grenzen, Verallgemeinerungen du Vorurteile hinweg. Das ist extrem beglückend. Inzwischen haben wir drei hochrangige Bundesverdienstkreuze und andere Ehrungen erhalten. Auch in der islamischen Welt. Gerade dieses Jahr noch hat die Azhar den von uns erreichten Beschluss von 2006 erneuert. Der Brauch müsse energischer verfolgt und bestraft werden. Auch die OIC, weltweit größte Organisation für Islamische Zusammenarbeit, unterstützt unser Streben inzwischen. Unser Leben hat eine kaum noch zu überbietende Erfüllung gefunden. Leider bin ich ein Spätzünder. Sonst wäre unser Ziel, das Ende Weiblicher Genitalverstümmelung, längst erreicht. Sorry.

Ihr Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung ist sehr erfolgreich. Wie sind Sie auf dieses leider noch immer geduldete Verbrechen gestoßen und wie hat sich Ihre Initiative weiter entwickelt?
Ich kannte den Brauch seit meiner Danakil-Wüsten-Durchquerung. Durch das Buch “Wüstenblume“ kam es mir wieder in Erinnerung. Inzwischen hatte ich den Erfolg bei den Yanomami erlebt und sah eine Chance, auch hier und als Fremder etwas bewirken zu können. Als wir in Äthiopien Augenzeugen des Dramas wurden, stand der Plan fest. Das gab den Ausschlag. Mein Glück war, dass meine Frau uneingeschränkt auf meiner Seite stand. Inzwischen haben wir das historische Ergebnis der Azhar-Konferenz in einem sogenannten Goldenen Buch dokumentiert. Es ist gedacht als Predigtvorlage für die Imame dieser Welt. Ali Gom’a hat das Buch sogar mit einem Vorwort geehrt. Unser Buch! Das Buch eines Ex-Vorstadtbäckers und seiner Frau, einer gelernten Arzthelferin. Es wird uns von den Imamen aus der Hand gerissen. Viele Predigten sind erfolgt, anderen Imamen fehlt der Mut, das heikle Thema in den Predigten aufzugreifen. Es ist nach wie vor unsagbar schwierig, das neue Denken in den Köpfen der Betroffenen zu festigen. Annette hat soeben eine neue Website in Arbeit genommen „The golden message“. Ein weiterer Weg zum Ziel. Die Website basiert auf dem Azhar-Beschluss, erweitert um mehrere Fatwas höchster Islam-Jurisprudenz. Irgendwann in allen relevanten Sprachen.

Eine Frage zum Abschluss: Sie haben in der Vergangenheit einmal gesagt, dass Sie den Tod nicht fürchten und am liebsten im Regenwald durch einen Kopfschuss sterben würden. War dies zynisch gemeint oder würden Sie auch beim Abgang von der Bühne des Lebens einen ungewöhnlichen Weg wählen?
Das war nicht zynisch, sondern realitätsnah gemeint. Jeder denkt irgendwann über sein Ende nach. Auch über die Todesart. So tragisch Michaels Ermordung am Blauen Nil war – um diesen unerwarteten quallosen Tod habe ich ihn beneidet und ihn auch mir gewünscht. Das hat eine Journalistin neulich irritiert. „Oh, Gott, das ist ja schrecklich!“ - „Nein“, wollte ich ihr erklären. „Einen besseren Tod kann ich mir nicht vorstellen. Nichts ahnen, keine Angst haben zu müssen und – Zack! - weg sein. Was gibt es Besseres?“ Der Kommentar der Journalistin: „Das meine ich ja nicht. Aber dann wissen Sie ja gar nicht, wer sie ermordet hat!“. Seitdem laufe ich nur noch mit einem Rückspiegel herum...

Fotos: Copyright TARGET-Nehberg

05. Juni 2013

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