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Interview: Matthias Dolderer

Matthias Dolderer

Mit seinem Sieg beim siebten Rennen der Red Bull Air Race Weltmeisterschaft 2016 auf dem Indianapolis Motor Speedway schrieb Matthias Dolderer Geschichte: Er gewann nicht nur als erster Pilot ein Rennen auf dem legendären Speedway, er ist in der ultimativen Motorsportserie der Lüfte auch der erste Deutsche Weltmeister überhaupt. Im Interview erzählt er uns über seinen frühen Anfänge als Segelflieger und seinen Aufstieg in die Topliga der Kunstflugpiloten.

Andere Jugendliche träumen mit 14 Jahren noch vom Mofa, während du in diesem Alter bereits deine ersten Flugstunden hattest. Woher kam die Begeisterung für das Fliegen?
Als ich fünf Jahre alt war, haben meine Eltern den Flugplatz in Tannhei eröffnet, somit war ich seit Kindesbeinen mit der Fliegerei beschäftigt. Sie hat mich fasziniert und nie mehr losgelassen. Der Flugplatz war für mich der beste Spielplatz der Welt. Ich habe daher bereits früh versucht, so viel wie es geht mitzufliegen und war von den Flugzeugen und der Luftfahrt restlos begeistert.

Kannst du dich noch an deinen ersten Alleinflug erinnern?
Selbstverständlich. Das war im Alter von 14 Jahren mit dem Segelflugzeug. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit und ein Erfolgserlebnis schlechthin.

Wann kam bei dir der Übergang vom „normalen“ Fliegen zum Kunstflug?
Ich habe mit 17 Ultraleichtflug begonnen. Dies ist noch kein Kunstflug. Ultraleichtflug ist Präzisionsfliegen, Wirtschaftlichkeit und der Kampf um jeden Meter und jede Sekunde. Dies alles hat mir für meine fliegerische Laufbahn die Grundlage gegeben. Ich habe an Meisterschaften teilgenommen und der Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen, war geweckt. Kunstflug habe ich mit 17 angefangen, bereits während der Ausbildung zum Motorflug. Bereits im Segelflugzeug habe ich versucht, die maximale Flugbereichsgrenze zu erfliegen.

Die Belastungen in der Luft sind sicherlich enorm, oder?
Die G-Kräfte, die auf den Körper wirken, sind in der Tat beträchtlich. Wenn man z.B. 10 G ausgesetzt ist, wiegt ein 80 kg Pilot somit 800 kg, die ihn in den Sitz drücken. Ein Arm, wenn er 5 kg wiegt, hat dann plötzlich das Gewicht von 50 kg. Auch das Blut versucht, aus dem Kopf nach unten abzusacken, dem muss man entgegenwirken.

Wie kann man so etwas trainieren? Den meisten Menschen wird schon auf dem Kettenkarussell schwindlig.
Das geht nur durch Training im Flugzeug, damit sich der Körper daran gewöhnen kann. Von heute auf morgen schafft man das nicht. Eine hohe allgemeine Fitness ist natürlich auch ausschlaggebend.

Und wie sieht es mit der Orientierung aus – wie schaffst du es, noch zu wissen, wo oben und unten, links und rechts ist?
Raus schauen, Augen auf. Mehr kann ich auch nicht machen. Bezug ist der Horizont und auch die fliegerische Erfahrung.

Hast du schon einmal ein Kontrollverlust oder massive körperliche Probleme in der Luft erlebt?
Ja, einmal während der Anfänge des Unlimited-Kunstflugtrainings. Kein gutes Gefühl, das kann ich dir sagen.

Fliegt die Angst mit oder blendest du solche Gedanken aus? Immerhin sind schon einige Piloten tödlich verunglückt.
Ich habe keine Angst, aber Respekt. Solange Mensch und Maschine zusammenarbeiten, kann es immer Unfälle geben. Mit dem Auto, dem Motorrad, mit der Brotschneidemaschine… Sicher ist man nur im Bett.

Wie kann man sich Wettbewerbe im Kunstflug überhaupt vorstellen?
Beim Kunstflug müssen bestimmte Programme in einer dafür vorgesehenen imaginären Kunstflugbox (1x1x1 km - Anm. der Red.) geflogen werden. Wie beim Eiskunstlauf zählen die Sauberkeit der Figuren und die Choreographie.

Was sind das eigentlich für Leute, die sich in dieser Szene tummeln?
Ach, das sind im Grunde genommen ganz normale Leute, die versuchen, gut zu sein, in dem was sie tun. Sie sind sicherheitsbewusst, haben die Dinge im Griff und wissen, was sie sich zumuten können. Weit weg von verrückt.

Gibt es Sportarten, die selbst dir als zu verrückt und gefährlich erscheinen?
Surfen unter hohen Wellen.

Wie reagiert eigentlich das andere Geschlecht auf deine Profession? Gilt man da als potenzieller Todeskandidat?
Das variiert. Verdammt? Eher nein. Angehimmelt? Schon eher.

Seit 2009 startest du in der Red Bull Air Race Weltmeisterschaft. Was ist das Besondere an dieser Wettkampfserie?
Soll ich das jetzt wirklich alles beschreiben? Eine schöne ´Besonderheit´ wäre es, wenn ich auch 2018 wieder Weltmeister werden würde… (Infos zum Red Bull Air Race siehe Infofeld – Anm. der Red.)

Wie kann man sich die Präzision vorstellen, die du als Pilot an den Tag legen musst, um die Tore fehlerfrei zu passieren?
In einem früheren Interview habe ich es einmal damit beschrieben, einen Wagen mit 400 km/h in eine Garage einzuparken. So kann man es sich am ehesten ausmalen.

Bist du selbst auch Schrauber oder „nur“ Pilot“?
Ich kenne mein Flugzeug, eine Zivko Edge 540 V3, in- und auswendig. Ich habe jedoch Techniker, die sich um die Ausführung von Wartungsarbeiten und Feinjustierungen kümmern. Ohne eigenes technisches Verständnis kommst du als Pilot nicht weiter.

Hast du ein Ritual vor jedem Flug?
Nichts Weltbewegendes. Ich ziehe meinen rechten Handschuh zuerst an.

Wie stehst du zu der Meinung, dass Veranstaltungen wie das Red Bull Air Race nur Marketingevents sind, die viel Lärm machen und die Luft verpesten?
Das ist eine weltfremde Diskussion. Lohnt sich nicht, darauf einzugehen.

Manche Marathonläufer haben jeden gelaufenen Kilometer dokumentiert. Weißt du, wie viele Flugstunden du schon hinter dir hast?
Bis dato 8.700.

Das „Red Bull Air Race”

Die Red Bull Air Race Weltmeisterschaft ist eine internationale Rennserie, an der mindestens acht Piloten pro Rennen teilnehmen. In der Saison 2018 gehen 14 Piloten an den Start. Ziel ist es, den Rennkurs, der mit luftbefüllten Pylonen abgesteckt ist, möglichst schnell und mit so wenigen Fehlern wie möglich zu absolvieren. Anhand der Ergebnisse des Qualifying wird die Startreihenfolge am Renntag festgelegt. Dort gibt es die Rennformate „Round of 14”, “Round of 8” und “Final-4”. Gewinner ist der Pilot, der in der finalen Flugsession die schnellste Zeit erzielt und damit an erster Stelle platziert ist. Die Piloten können in jedem Rennen Punkte für die Weltmeisterschaft holen. Der Pilot mit den meisten Punkten nach dem letzten Rennen wird der Red Bull Air Race Weltmeister.

Das Regelwerk

  • Maximum Load Faktor: Bei der Kehrtwende dürfen die Piloten den Maximum Load Factor von 10 G nicht überschreiten, sonst droht Disqualifikation.
  • Entry Speed Limit: Beim Durchfliegen des Start Gates dürfen die Piloten 200 Knoten (370 km/h) nicht überschreiten. Bei einer Überschreitung bis 1.99 Knoten gibt es eine 1-Sekunden-Strafe. Fliegt ein Pilot mit mehr als 202 Knoten in den Kurs ein, scheidet er für die Runde aus.
  • Smoke Penalty: Vor dem Einfliegen in den Rennkurs müssen die Piloten den Rauchstrahl an ihrem Rennflugzeug anschalten. Der Rauch kennzeichnet die Flugbahn des Piloten und erhöht so die Sicherheit. Versäumt ein Pilot den Rauch-Knopf rechtzeitig zu drücken, bekommt er eine 1-Sekunden-Strafe.
  • Zu hohes oder zu niedriges Fliegen: Die Piloten müssen ihre Flugzeuge durch die oberen 40 Prozent der Air Gates manövrieren. Diese sind meist farbig gekennzeichnet. Fliegt ein Pilot zu hoch, bekommt er eine 2-Sekunden-Strafe. Fliegt er zu tief, scheidet er für die Runde aus.
  • Incorrect Level Flying: Beim Passieren der Air Gates müssen die Piloten die Tragflächen ihres Rennflugzeugs möglichst parallel zum Boden ausrichten. Die Toleranz beträgt dabei 10 Grad. Überschreitet ein Pilot beim Durchfliegen der Gates diese Toleranzgrenze, bekommt er eine 2-Sekunden-Strafe.
  • Pylon-Hit: Beim Pylon-Hit trifft der Pilot die Pylone mit einem Teil des Flugzeugs. Für die ersten zwei Pylon-Hits während eines Durchgangs gibt es je eine 3-Sekunden-Strafe. Fliegt ein Pilot in einem Durchgang dreimal in eine Pylone, scheidet er für die Runde aus.
  • Climbing the Gate: Beim Fliegen der Kehrtwende dürfen die Piloten den Looping nicht zu früh einleiten. Erst nachdem die Tragflächen des Flugzeugs das Gate komplett passiert haben, dürfen Pilot und Flugzeug ihre Position in der Höhe verändern. Bei Missachtung dieser Regel droht eine 2-Sekunden-Strafe.
  • Überschreiten der Crowdline: Wer sein Flugzeug zu nah an der Linie, die den Rennkurs vom Zuschauer-Bereich trennt, entlangsteuert wird disqualifiziert.
  • Unkontrolliertes oder gefährliches Fliegen: Disqualifikation.

Interview: Stefan Mothes | Fotos: Jörg Mitter - Red Bull Content Pool

22. November 2018

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