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Interview: Johann Martin

Sein lebenslanger Kampf mit dem Eisen

Johann Martin

Aufgewachsen in der heutigen Republik Kasachstan hat sich Johann Martin seit seiner Jugend über viele Jahre mit dem Thema Kraftsport befasst und diesen schließlich zum Beruf gemacht. In seiner neuen Heimat Hamburg konnte er viel bewegen und als leidenschaftlicher Trainer zahlreiche starke Athleten formen. Auch mit 68 Jahren ist Johann Martin in einer sagenhaften Form und erzählt uns im Interview nicht nur, wie er dies bewerkstelligt, sondern auch, was er von modernen Kraftsporttrends hält und wie er mit einer selbst entworfenen Kettlebell für Furore sorgen will.

Sie sind in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Welchen Stellenwert hatte der Sport in Ihrer Kindheit bzw. Jugend?
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Da gab es keinen Sportverein. Wir hatten nur in der Schule Sportunterricht. Ein ehemaliger Soldat war unser Sportlehrer, der uns einfache athletische Übungen beibrachte. Ab der fünften Klasse hatten wir dann einen studierten Lehrer und ein Klassenraum wurde zu einer kleinen Sporthalle umgebaut. Der Schulsport war aber nichts Besonderes. Ab der achten Klasse wurde es dann besser. Uns wurden die wichtigsten Übungen aus dem Turnen, wie Rolle, Handstand und Dehnübungen beigebracht. In der Freizeit auf dem Dorf waren wir natürlich oft draußen unterwegs, sind geklettert, viel gelaufen und haben Ball gespielt, obwohl wir nur provisorische Bälle hatten. Ich hatte immer das Verlangen, meine körperlichen Fähigkeiten zu testen, was auch mit Risiko verbunden war.

Über welche Wege sind Sie zum Gewichtheben gestoßen?
Mit 13 Jahren habe ich einen Film über die Olympischen Spiele 1960 in Rom gesehen. Da habe ich das erste Mal beim Gewichtheben richtig starke Leute beobachtet. Daraufhin wollte ich auch sofort stark sein, weil ich mir als Kind immer dünn und schwach vorkam. Doch wir hatten keine Hanteln im Dorf! Also fing ich an, aus Altmetall selbst etwas zu basteln und mit Freunden zu trainieren. Aber es war immer mein Wunsch, einen richtigen Trainer zu haben, der mir das Gewichtheben beibringen konnte. Daraus ist mein Traum entstanden, selbst Trainer zu werden. In der Zwischenzeit kam aber der Militärdienst und als ich dann mit 22 Jahren, wieder in mein Dorf zurückkehrte, versuchte ich einen Sportraum zu finden. Der Gemeinderat gab uns einen kleinen Raum, um Sport treiben zu können. Ich kaufte eine Langhantel, aber wir haben damals auch weiterhin viel Ausrüstung selbst gebaut. Erst mit 24 habe ich dann angefangen, an der kasachischen Sporthochschule zu studieren und konnte tiefer in den Sport einsteigen.

Wie unterscheidet sich das Training heutzutage zu dem, was Sie in jungen Jahren erlebt haben?
Für uns, als ich Kind war, war ein Lehrer wie ein Gott. Respekt vor dem Alter, Disziplin, Höflichkeit, Kameradschaft. Ohne diese Werte macht Sport wenig Sinn. So erlebe ich es immer noch, aber dies ist leider nicht überall mehr so.

Hatten Sie jemals selbst über eine Karriere als Leistungssportler nachgedacht?
Nein. Dazu hatte ich keine Chance. Ich hatte erst einmal mit 24 mit dem Studieren angefangen. Aber ich vermute, wenn ich mit 14 oder 15 zu einem guten Trainer oder einem Sportverein gegangen wäre, dann vielleicht. Ich vermute das nur, weil ich technisch einige Tricks draufhabe, die bis heute niemand hinbekommen hat. Die Voraussetzungen waren da, doch die Möglichkeiten fehlten.

Seit 1993 leben Sie in Deutschland. Wie konnten Sie damals beruflich und sportlich wieder Fuß fassen?
Damals musste man noch einen Antrag stellen und sich entscheiden, wohin man in Deutschland wollte. Intuitiv habe ich Hamburg geschrieben. Und das war die richtige Entscheidung. Wenn ich nach Berlin oder München gegangen wäre, hätte ich das nie geschafft. Hier in Hamburg konnte ich mit meiner Art etwas erreichen. 1993, nach ein paar Monaten mit Bürokratie, habe ich dann endlich einen Sportverein gefunden. Die BKSV (Barmbeker KraftsportVereinigung) hat mich freundlich aufgenommen und ich konnte regelmäßig trainieren. Der Leiter, der leider verstorbene Herr Hagedorn, vertraute mir sehr schnell den Hallenschlüssel an, damit ich Aufgaben in der Halle übernehmen konnte. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Doch ich war zu naiv zu glauben, als Diplom-Sportlehrer einmal eine bezahlte Trainerstelle zu bekommen. Auch der Hamburger Sportverband unterstützte meine Vorhaben wenig. Dann entschied ich mich 1994, ehrenamtlicher Trainer zu werden. Mit meiner Arbeit war es etwas kompliziert. Ich habe dann zum Glück einen Sponsor gefunden, der meine Ideen teilte. Ich arbeitete ab 1995 bei Lada, die mir auch Fahrzeuge für Wettkämpfe bereitstellten. Das war schon gut.

Sie waren in Hamburg nicht nur Landestrainer, sondern sind auch Gründer und bis jetzt Präsident des Vereins »Athletenclub Hamburg«. Welchen Stellenwert hat der Verein in Ihrem Leben?
Der Grund, warum die BKSV auf lange Sicht nicht meine Heimat war, kam daher, weil wir Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Sportes hatten. Ich gründete daher den »Athletenclub Hamburg«. Bereits im ersten Jahr haben wir sehr viele Erfolge erzielt. Seitdem haben wir Europameister, Weltmeister, und Weltrekordhalter hervorgebracht. Im Gewichtheben war ich drei Jahre in Folge erfolgreichster Jugendtrainer Deutschlands. Sport ist für mich Freundschaft, Familie, Arbeit, aber auch Integration. Ob Türken, Afghanen, Russen oder Deutsche. Bei uns im Verein haben sich alle unabhängig ihrer Herkunft verstanden. Da gab es nur Kameradschaft, Respekt und Spaß am Sport. Diese Atmosphäre ist sehr angenehm und ist Teil meiner sportlichen Lebensphilosphie.

Was waren Ihre schönsten Momente als Vereinstrainer?
Das waren die Auszeichnungen der BKSV als bester Sportverein Deutschland dreimal hintereinander und auch die Auszeichnung »Grünes Band« von der Dresdener–Bank für vorbildliche Jugendarbeit.

Auf welchen Ihrer Schützlinge sind Sie besonders stolz?
Ich bin stolz auf viele meiner Schützlinge. In den 90er-Jahren hatten wir schon Athleten, die in der Bundesliga gestartet sind oder Sportler, die es in die Nationalmannschaft geschafft haben. Sie haben jetzt schon studiert oder haben sich selbstständig gemacht. Dies zu erleben, ist ein erhebendes Gefühl. Es ist auch schön, sie alle einmal wiederzusehen. Sie zeigen mir auch heute noch, dass sie Respekt vor mir haben. Jemand hervorzuheben fällt schwer, aber da gibt es z.B. Slawa Wasiljew, er hat jetzt eine eigene Firma und ist Präsident vom Landesverband Gewichtheben Hamburg. Auch auf Anton Krieger bin ich sehr stolz. Er macht unsere tollen Videos und Bilder. Er begleitet uns zu Wettkämpfen und Weltmeisterschaften. Er verfolgt die Geschichte unseres Vereines schon seit vielen Jahren.

Über Kettlebells und CrossFit sind das Training mit der Kugelhantel und das klassische Gewichtheben wieder in Mode gekommen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Wie immer kommt wohl jede Mode erst mal aus Amerika. Doch ich bin nicht einverstanden mit der Philosophie von CrossFit, wenn es überhaupt eine gibt. CrossFit kombiniert viele Übungen, aber nicht alle Sportler haben überhaupt die technischen Grundlagen der Bewegungen, die sie da ausführen. Die meisten Trainer sind viel zu schnell ausgebildet. Ich denke, wenn jemand Gewichtheben als Trainer vermitteln will, dann muss er dies auch studieren. Im Berufsleben setzen schwierige und verantwortungsvolle Tätigkeiten doch ebenfalls ein Fachstudium voraus. Wer CrossFit trainiert, zahlt sehr viel mehr als in einen guten Gewichtheberverein, da muss auch sichergestellt werden, dass aus dem Erlernten kein Schaden für die Gesundheit entsteht. Der Körper kann auch mit falscher Technik stark werden. Doch die Technikdefizite können nicht ewig durch Kraft ausgeglichen werden. Früher oder später wird dies durch eine Verletzung bestraft. Und das nur durch falsche Technik. CrossFit will alles – Stärke, Ausdauer, Technik, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Man kann nicht überall Meister sein und sollte wenn schon, dann auch in den jeweiligen Bereichen von Meistern lernen.

Ärgert Sie es, wenn Trends, die sich aus den traditionellen Sportarten bedienen, am Ende mehr Aufmerksamkeit erfahren als das Original?
Nein, das ärgert mich nicht. Es ist gut, wenn es zu solchen Gelegenheiten im Sport kommt. Ich akzeptiere, dass Gewichtheben weniger bekannt und weniger beliebt ist. Dafür gibt es immer Gründe, wie ich während meiner Trainerlaufbahn mitbekommen habe. Gewichtheben wurde in den Medien oftmals als Sportart dargestellt, in der es in der Vergangenheit oft zu Anabolikamissbrauch gekommen ist. Das tatsächliche Wissen über diese Sportart ist nicht weit verbreitet, was für mich ein Grund für die niedrige Beliebtheit ist. Trendsportarten wie CrossFit sind fürs Gewichtheben gut, da wieder darüber gesprochen wird und es nicht in Vergessenheit gerät.

Braucht das Gewichtheben wieder einen deutschen Olympiasieger oder kann dem Sport auch auf anderer Art geholfen werden?
In Deutschland gab es schon zahlreiche Sieger im Gewichtheben und trotzdem ist die Sportart nicht so beliebt wie Fußball, Handball oder Tennis. Meiner Meinung nach hängt dies mit der Vermarktung der Sportart und der Sportler zusammen. Die Stellung des Gewichthebens würde sich durch einen weiteren Olympiasieger oder Weltmeister im Gewichtheben nicht verändern, da sich dadurch die Meinung zur Sportart innerhalb unserer Gesellschaft nicht verbessern würde.

Gewichtheben und Kettlebell-Sport sind körperlich sehr anspruchsvoll und anscheinend trotzdem für Jung und Alt und sogar für Frauen geeignet. Warum?
Gewichtheben und KettlebellSport sind ein hocheffektives Ganzkörpertraining. Die Körperhaltung verbessert sich und das Herzkreislaufsystem wird trainiert. Diese positive Wirkung merkt man nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag. Voraussetzung ist die richtige Dosierung und ein guter Trainer, der auch Wissen vermittelt. Ohne Wissen und Gefühl kann der Körper nicht trainiert werden.

Wie können Athleten / Athletinnen aus anderen Sportarten vom Training mit der Langhantel profitieren?
Es gibt genügend Profisportler, die sich dem Langhanteltraining bedienen, um in ihrer Sportart leistungsfähiger zu werden. Dieses ergänzende Training muss allerdings individuell auf die Sportart angepasst werden und von einem erfahrenen und professionellen Trainer betreut werden. Dann können alle Sportarten davon profitieren. Ich habe schon seit 1996 unzähligen Sportlern aus verschiedenen Sportarten zur Leistungssteigerung verholfen. Die bekannteste Sportlerin ist sicherlich die mehrfache Schwimmweltmeisterin Sandra Völker.

Sie selbst sind mit fast 70 Jahren noch in einer Form, von der sich manch Zwanzigjähriger noch eine Scheibe abschneiden kann. Was ist Ihr Geheimnis?
Mein Geheimnis ist meine Lebenseinstellung. Wie gesagt, bereits als Jugendlicher wollte ich stark sein. Diese Einstellung hat sich im Laufe meines Lebens immer mehr verfestigt und immer weiter entwickelt. Durch den Alterungsprozess ist mir klar geworden, dass es immer wichtiger wird, seinen Körper zu entwickeln, anstatt faul zu sein. Auch auf die Ernährung achte ich und esse sehr eiweißbetont mit einer sehr geringen Kohlehydratzufuhr. Neben dem Körper müssen sich auch die Gedanken positiv entwickeln. Stärke kommt von innen. Unser Kopf ist meines Erachtens ein wichtiger Einflussfaktor für unsere Gesundheit. Aus diesem Grund versuche ich immer positiv zu denken und mit einer guten und positiven Einstellung durch den Tag zu gehen. Natürlich ist es manchmal auch schwer und es gibt alltägliche Probleme, die uns beschäftigen.

Mit der »Johann Martin Akademie« haben Sie sich einen Lebenstraum erfüllt. Zudem haben Sie ein Buch über Gewichtheben und Kettlebell veröffentlicht. Was sind Ihre nächsten Ziele?
Für die Entwicklung meiner Sportler war eine gut ausgestattete Halle eine wichtige Basis. Mein Traum war es, die Kinder und Jugendlichen auf ihr Erwachsenenleben vorzubereiten – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Charakterbildung war und ist für mich immer noch sehr wichtig. Jetzt haben wir eine absolute Traumhalle mit optimaler Ausrüstung und Sicherheitsvorkehrungen. Das von mir veröffentlichte Buch sollte mit den Lehr-DVD´s als Kombination betrachtet werden. Das Buch ergänzt die DVD und andersrum. Mein aktuelles Projekt ist die »Martin Kettlebell«. Ich habe bereits einen Prototypen gegossen, der zum Training verwendet werden kann. Allerdings bin ich noch nicht 100 Prozent zufrieden, weshalb ich an einer Weiterentwicklung arbeite. Ziel ist es, die Kettlebell für den Sportler angenehmer und ergonomischer zu gestalten, um Schmerzen und Belastungen bei speziellen Übungen zu vermeiden. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Monaten ein fertiges Produkt präsentieren kann und würde mich freuen, wenn dieses Modell als komfortablere Version der klassischen Kettlebell erfolgreich Einzug in den Fachhandel hält.

Fotos: Anton Krieger, Johann Martin, privat

30. März 2016

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