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Interview: Aileen Frisch

Aileen Frisch

Die erst 21-jährige Aileen Frisch ist der Shooting-Star unter den deutschen Rennrodlerinnen. Bereits bei den Junioren überzeugte sie mit Weltklasse-Leistungen und holte sowohl den EM- als auch den WM-Titel. Auch in ihrem ersten Jahr bei den Senioren konnte sie voll und ganz überzeugen. Die aus Schellerhau im Erzgebirge stammende Rennrodlerin startet für den SSV Altenberg und gilt zu Recht als eines der größten Talente der Wintersportszene. Dies ist umso erstaunlicher, da sie ja eigentlich ein sportlicher Spätstarter war. PULSTREIBER sprach mit der jungen Wintersportlerin, die uns einen interessanten Einblick in ihren Sport lieferte, der bei Abfahrtsgeschwindigkeiten von mehr als 100 km/h nicht immer ganz ungefährlich ist.

Du bist in einer Wintersportregion aufgewachsen. Zu welcher Weihnachtsfeier lag bei dir der Schlitten unter dem Tannenbaum?
Ich bin mehr oder weniger zufällig zum Rennrodeln gekommen. Wir waren damals mit der Schule auf der Startanlage in Altenberg. Das hat mir auf Anhieb so gut gefallen, dass ich zum Probetraining gegangen bin. Wäre auch Bobfahren oder Skeleton für dich eine Option gewesen? Als ich angefangen habe zu Rodeln war ich gerade elf Jahre alt. Mit Bob und Skeleton beginnt man in der Regel erst viel später. So kamen die beiden Sportarten für mich nicht infrage.

Wie waren deine Anfänge?
Meine ersten Jahre als Rodlerin liefen nicht gerade sehr rund. Bei Wettkämpfen belegte ich immer die hinteren Plätze. Zu meinen ersten deutschen Meisterschaften wurde ich beispielsweise 39. von 42. Glücklicherweise wurde das dann von Jahr zu Jahr besser.

Hattest du schon immer das Verlangen zu der Weltspitze zu gehören?
Ehrgeiz hatte ich schon immer. Allerdings habe ich mich nicht zwingend an der Welt, sondern immer nur an meiner direkten Konkurrenz in Deutschland orientiert. Seit dem letzten Jahr starte ich in der allgemeinen Klasse. Wer dort in Deutschland zur Spitze zählt, zählt auch in der ganzen Welt zur Spitze.

Bis zu welchem Alter kann man in deinem Sport überhaupt einsteigen?
Ich habe mit elf Jahren angefangen, das war schon fast zu spät. Idealerweise beginnt man zwischen sechs und zehn Jahren.

Wie ist denn der Weg zum Rennrodeln, wenn man nicht direkt neben der Bahn wohnt, quasi Stadtkind ist?
In einigen Städten wie beispielsweise Zwickau und Dresden gibt es Rennrodelvereine. Dort kann man in das Training reinschnuppern und sich selbst als Rodler probieren. Ab einem gewissem Alter, wenn der „Leistungsbereich“ beginnt, ist der Besuch eines Internats in Altenberrg oder Oberwiesenthal der übliche Weg. Als Zuschauer kennt man nur die rasanten Abfahrten, aber leider nicht die harte Arbeit, die dahinter steht.

Kannst du uns etwas mehr über dein spezifisches Training erzählen?
Wir arbeiten als Schnellkraftsportler das ganze Jahr über auf unsere Saison zu. Im Frühjahr beginnen wir mit den Grundlagen: Ausdauer, allgemeine Kraft, Stabilisation. Im Juni gehen wir dann langsam in den spezifischeren Bereich mit Kraftaufbau, Techniktraining und Koordination. Erst etwa zwei Monate vor Saisonstart wird die Maximalkraft und damit auch die Schnellkraft trainiert. Das alles brauchen wir nicht nur, um schnell zu starten, sondern auch, um den Fliehkräfte, die mit dem fünffachen unseres eigenen Körpergewichts auf uns wirken, standzuhalten.

Ist im Sommer überhaupt ein Techniktraining möglich oder arbeitet ihr in dieser Zeit nur an der allgemeinen Athletik?
In der Theorie ist ein Techniktraining schon möglich. Man kann mit Räderschlitten die Betonbahn hinunterfahren. Allerdings ist dieses Fahrgefühl mit dem auf Eis kaum zu vergleichen. Was jedoch sehr gut trainierbar ist, ist die Starttechnik. Hierfür gibt es eine Reihe von Imitationsgeräten, an welchen man einzelne Komponenten des Starts üben kann.

Theoretisch würde dir mehr Körpergewicht auch mehr Geschwindigkeit verschaffen. Ist dies in der Praxis auch so oder würden dich zusätzliche Pfunde eher behindern?
Das kommt ganz darauf an, ob man seine Masse am Start auch beschleunigen kann. Auf vielen Bahnen ist es tatsächlich besser, mehr auf die Waage zu bringen. Deswegen gibt es im Rodeln als Chancenausgleich für die Leichteren Zusatzgewicht in Form von Blei, welches direkt am Körper getragen wird.

Würdest du deinen Sport als monoton empfinden? Wie vermittelt man einem Skeptiker den Spaß am Rennrodeln?
Rennrodeln ist eine Rennsportart. Es fordert den Fahrern höchste Konzentration ab. Über Sieg und Niederlage entscheiden oft nur einige 1/1000-Sekunden. Wenn man Rodeln ein paar mal im Fernsehen sieht und genau darauf achtet, erkennt man sogar die kleinen Fehler, die fast jeder Fahrer auf der Bahn macht. Eine perfekte Fahrt gibt es nicht. Mein Jugendtrainer hat immer gesagt: „Es gewinnt nicht der, der keine Fehler macht, sondern der, der am besten auf seine Fehler reagiert.“

2010 musste der Georgier Nodar Kumaritaschwili in Vancouver einen Fahrfehler mit dem Leben bezahlen. Bist du selbst schon einmal in eine Situation gekommen, bei der dir dein Schutzengel helfen musste?
Ich stürtze im Training häufiger als meine Teamkameraden. Ich glaube, dass man bei jedem Sturz Pech haben kann, sodass man sich schlimm verletzt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit bei uns als „Profisportler“, dank unserer guten koordinativen Ausbildung, nicht so hoch.

Jeder Leistungssport hat sein eigenes Belastungsprofil und individuelle Verschleißerscheinung. Wie sieht es bei euch aus? Wo zwickt es bei den Rennrodlern am häufigsten?
Der Rücken ist mit Abstand am häufigsten von Verletzungen betroffen. Ein Bandscheibenvorfall ist selbst in jungen Jahren keine Seltenheit. Mit der unnatürlichen Startbewegung und den Fliehkräfte, die während der Fahrt auf den Körper wirken, muten wir unserer Muskulatur ziemlich viel zu.

Bei den Junioren hast du eine beeindruckende Karriere hingelegt. Wie hart war danach der Übergang zu den Senioren?
Der Übergang war gar nicht so schwierig, wie anfangs vermutet. Ich habe mir keinen Druck gemacht, hatte keine Erwartungen an die Saison. Dieses Jahr sieht das schon etwas anders aus.

Die kommenden Olympischen Winterspiele in Sotschi sind für dich in greifbarer Nähe. Ordnest du diesem Ziel alles andere unter oder gibt es für dich bis dahin trotzdem noch ein Leben neben dem Sport?
Ich versuche mich so oft es geht vom Sport abzulenken, den Kopf frei zu bekommen. Den Sommer über habe ich zeitweise in Berchtesgaden verbracht, um dort zu trainieren. Am Wochenende bin ich immer nach Hause gefahren, um nicht im Alltagstrott zu versinken. Das ist wichtig um die Motivation aufrecht zu halten.

Die Bahn „Sanki“ in Sotchi wurde vom Leipziger Ingenieurbüro Gurgel + Partner entworfen. Bist du diese Bahn schon einmal gefahren? Ist dies vielleicht sogar ein positives Omen für Olympia?
Ja, ich bin in Sochi schon gefahren. Die Bahn gefällt mir sehr gut. Letztes Jahr fand dort das letzte Qualifikationsrennen für den Weltcup statt, welches ich gewinnen konnte. Das allerdings als Prognose oder Omen für Olympia zu nehmen, das wage ich nicht.

Welchen Einfluss haben die Bahn und der Schlitten überhaupt?
Bahn und Schlitten haben einen sehr großen Einfluss. Es gibt verschiedene Arten von Bahnen: Rodelbahnen, auf denen man besonders rhythmisch und mit vielen Lenkbewegungen fahren muss, und Gleiterbahnen, auf denen übermäßiges Lenken Gift ist. Der Schlitten muss genau an die Vorraussetzungen der Bahn angepasst sein. Dazu kommt dann noch das Wetter. Bei Temperaturen von minus 15 Grad und Sonnenschein kann man mit dem Regenoder Reif-Set-up keinen Blumentopf gewinnen, egal wie gut man fährt.

Ist man als Wintersportlerin automatisch ein Anhänger der kalten Jahreszeiten oder freust auch du dich auf den Sommer?
Ich mag beide Jahreszeiten etwa gleich, solange die Temperaturen nicht zu extrem sind. Einen milden Sommer würde ich jedoch eher bevorzugen.

Also doch lieber ein Karibik-Urlaub anstelle einer Husky-Tour durch Sibirien?
Ganz klar: ja! Die Karibik steht schon lange auf meiner Reisewunschliste.

Fotos: imago / GEPA pictures, René Deutscher

Aileen Frisch

20. November 2013

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