Unterwegs

Mercedes-AMG GT R

Von der Rennstrecke auf die Straße

Mercedes-AMG GT R

AMG, als Tochtergesellschaft der Daimler AG, hat mit dem „GT R“ einen der schnellsten und stilistisch einzigartigsten Rennsportwagen mit Straßenzulassung geschaffen. Noch nie wurde bei AMG so viel Motorsport-Technologie in ein Serienfahrzeug integriert. In die Entwicklung sind spürbar die umfangreichen Erfahrungen aus den Motorsporteinsätzen der Deutschen Tourenwagen Masters eingeflossen. Das Ergebnis: Ein kompromissloser, fast 320 km/h schneller Supersportwagen, der seit Saisonbeginn der Formel-1 in Melbourne aktuell das stärkste Safety-Car aller Zeiten markiert.

Herzstück des Boliden aus Affalterbach ist ein V8-Biturbo als Frontmittelmotor, der aus 4 Litern Hubraum satte 585 PS herausholt. Mit einem Leistungsgewicht von 2,66 Kilogramm pro PS steht er an der Spitze des Machbaren im zivilen Bereich. Durch die Transaxle-Bauweise (Motor vorn, Getriebe hinten) ergibt sich eine Gewichtsverteilung von 47 zu 53 Prozent zwischen Vorder- und Hinterachse, was - in Verbindung mit dem niedrigen Fahrzeugschwerpunkt - zu einem äußerst agilen Handling führt. Ein spezifisch angepasstes Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe ermöglicht wahnwitzig schnelle Gangwechsel ohne Leistungsverlust. Im Vergleich zum herkömmlichen GT (Kürzel für Gran Turismo) wurde bei der „R“-Version nochmal Gewicht eingespart, das Fahrwerk wurde modifiziert und die Aerodynamik optimiert. Breitere Kotflügel bieten jetzt mehr Spurweite für optimale Traktion und höhere Kurvengeschwindigkeiten. Eine wegweisende technologische Innovation ist die aktive Hinterachslenkung, die ab 100 km/h die Hinterräder um 1,5 Grad parallel zu den Vorderrädern einschlagen lässt. Ebenfalls Hightech aus dem Motorsport sind die justierbare Traktionskontrolle und das elektronisch verstellbare Gewindefahrwerk. Die erwähnte Traktionskontrolle  ist eine direkte Anleihe aus dem Motorsport. Mit dem kleinen gelben Rädchen unterhalb der vier Lüftungsdüsen lässt sich in neun Stufen regeln, wie weit die Traktionskontrolle den Schlupf an der Hinterachse begrenzen soll.

Optisch vereint der AMG GT R mit seiner flachen, langgezogenen Motorhaube und dem breiten Haifischmaul Aggressivität und Eleganz zugleich. Beim Kühlgrill ist die Ähnlichkeit zu den legendären Panamericana-Rennwagen sicherlich kein Zufall. Anleihen an das „Batmobil“ entspringen wohl eher meiner Fantasie. Die Linienführung dieses extremen Sportwagens ist wirklich traumhaft und wird auch nicht durch die bullige Heckpartie und den wuchtigen Spoiler gestört. Jedes Detail steht im Einklang mit dem Gesamtkonzept, auch die großen Lufteinlässe und die seitlichen „Kiemen“ mit der „V8 Biturbo“-Signatur. Dass auch die Bereifung den Fahrleistungen angepasst wurde, versteht sich von selbst. Ausgerüstet mit Michelin Pilot Sport Cup 2-Reifen, sind es vorne 275er Neunzehnzöller und hinten monströse 325er Zwanzigzöller, die den Wagen auf der Straße halten. Goldfarben lackierte Keramikbremsen sorgen für maximale Verzögerung.

In Bezug auf die erwähnten Anleihen aus dem Motorsport hätte man durchaus ein spartanisches Interieur erwarten können, aber weit gefehlt. Zwar gibt es Schalensitze aus Karbon und den obligatorischen Überrollbügel, aber sonst verwöhnen luxuriöse Bedienelemente, feinstes Nappaleder und ein mittiges Infotainment-System das Auge des Piloten. Letzteres bedient nicht nur das Navi und sündhaft teure Soundsystem von Burmester, sondern gibt auf Wunsch Informationen über motorsportlich relevante Leistungsdaten (Drehmomentwerte, Querbeschleunigung, Rundenzeiten).

585 PS und 700 Newtonmeter Drehmoment bei 1.630 Kilo Leergewicht sind schon abartig? Tja, dieses, von „Service Exclusiv“ aufwändig veredelte Fahrzeug, kann mit unglaublichen 700 PS und einem Drehmoment von 1.000 Newtonmetern aufwarten. Inwieweit sich dies auf Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit auswirkt, sollte klar sein, auch wenn es kaum vorstellbar ist, das man Superlativen noch toppen kann. Neben der deutlichen Performance-Optimierung wurden auch optisch nicht gerade alltägliche Individualisierungen vorgenommen. Selbst unter einer Million Fahrzeugen findet man wohl kaum versilberte Interieur- und Exterieurteile sowie eine Außenlackierung aus Klavierlack. Aber das war wohl auch der Sinne der Sache...

Seit dem ich für unser Magazin Sportwagen teste, ist dies der erste Fahrbericht, bei dem ich mich ausnahmsweise mit dem Beifahrerplatz begnügt habe. Um einen Mercedes-AMG GT R auch nur ansatzweise auszufahren, muss man das Auto sehr gut kennen und generell Erfahrungen mit dem Handling im Grenzbereich haben. Aber auch als Co-Pilot stellt es einem die Nackenhaare auf, wenn der V8 zu brüllen beginnt, sich die Hinterreifen in den Asphalt beißen und dieses Kraftpaket nach vorne schießt. Ein Wunderwerk der Technik ist die Automatik, die fast schon ansatzlos schaltet und gnadenlosen Vortrieb gewährleistet. Die möglichen Kurvengeschwindigkeiten sind enorm, trotzdem kommt durch die präzise Lenkung und den sagenhaften Grip niemals das Gefühl auf, mehr Leistung zu haben als man auf die Straße bringen kann. Hier spreche ich nicht aus Sicht des Beifahrers, sondern zitiere den erfahrenden Piloten. Wer aus dem Stand das Gaspedal auch nur mittelmäßig durchdrückt und dabei einlenkt, dreht ohne ESP sofort eine 360 Grad Pirouette. Auch das Beschleunigen aus der Kurve erfordert enormes Feingefühl, sonst schiebt das Heck ohne Vorwarnung nach außen. Beides konnte ich erfahren und es hat mich nicht gewundert, dass meine Pulsuhr Werte aufgezeichnet hat, die eher an ein Sprinttraining erinnern. Als Fahrer hätte ich dies nicht erlebt, so jedoch konnte ich in einem beeindruckenden Supersportwagen in Bereiche vordringen, die im zivilen Bereich jenseits von Gut und Böse sind und selbst auf der Rennstrecke ihresgleichen suchen.

Technische Daten Mercedes-AMG GT R (Serienmodell inkl. Extras)

Motor: V8-Biturbo mit Direkteinspritzung
Leistung: 585 PS
Hubraum: 3.985 ccm
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 3,6 Sek.
Höchstgeschwindigkeit: 318 km/h
Antrieb: Heckantrieb
Leergewicht: 1.645 kg
Preis: 204.000 Euro

Fotos: Stefan Mothes

13. Dezember 2018

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