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Vom lokalen Trail zum Großevent: So verändert sich das Trailrunning in Deutschland

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Trailrunner erklimmt eine steile Anhöhe

Knapp 1,9 Millionen Menschen laufen in Deutschland inzwischen regelmäßig abseits befestigter Wege, und wer über die besten Rennen dieser Saison ehrlich reden will, kommt an dieser Zahl nicht vorbei. Wo so viele laufen, wächst das Angebot, und mit dem Angebot wächst die Verwirrung gleich mit. Deshalb hier die These vorweg, unbequem und mit Absicht: Die besten Trails dieser Saison sind nicht die größten, lautesten und international durchvermarkteten Events, sondern jene, die dem Sog des Spektakels bewusst widerstehen.

Man muss das Bild, das der aktuelle Running Report zeichnet, erst einmal sacken lassen. Rund ein Viertel der Deutschen läuft mindestens einmal im Monat, das Interesse am Laufen ist binnen eines Jahres um sechzehn Prozent gestiegen, überall im Land entstehen neue Laufgruppen, und auf Plattformen wie Strava vervielfachen sich die Communities, getragen vor allem von einer jüngeren Generation, von der rund ein Drittel regelmäßig die Schuhe schnürt. Das Gelände aber bleibt mit gerade einmal elf Prozent Anteil die kleine, zähe Schwester des Straßenlaufs. Ein Rückzugsort ist diese Nische trotzdem längst nicht mehr. Sie ist Teil eines großen, datengetriebenen Sportbetriebs geworden, mit Live-Tracking, Weltserien und Favoritenlisten, die sich lesen wie bei jedem anderen Zuschauersport.

Genau an diesem Punkt beginnt das eigentliche Problem, denn ein Ultratrail ist heute ein Medienprodukt, das um Aufmerksamkeit konkurriert, und in einer solchen Aufmerksamkeitsökonomie steht am Ende nicht die Erfahrung im Vordergrund, sondern die Sortierung, also die Frage, wer Favorit ist, welches Rennen zählt, welches Angebot sich lohnt.

Der Boom des Trailrunnings sorgt dafür, dass Marken und Sponsoren zunehmend auf die Disziplin aufmerksam werden, ähnlich wie es zuvor schon beim klassischen Straßenlauf der Fall war. Marken wie Hoka oder Salomon festigen ihre Präsenz im Trailrunning, während rund um den Sport neue Influencer entstehen, von denen viele ursprünglich aus dem klassischen Running kommen. Selbst Wettanbieter nehmen die Disziplin inzwischen stärker in ihr Angebot auf und bieten Sportwetten Bonus auch für entsprechende Wettbewerbe an, wodurch Trailrunning zunehmend ein Publikum erreicht, das mit dem Sport bislang kaum Berührungspunkte hatte.

Das größte Beispiel für diese Logik steht in den Bayerischen Alpen, und der Salomon Zugspitz Ultra Trail zog vom 18. bis 20. Juni 2026 rund 5.000 Läuferinnen und Läufer aus über sechzig Nationen nach Garmisch-Partenkirchen, verteilt auf sieben Strecken zwischen 16 und 166 Kilometern, vom Einsteiger-Trail über sechzehn Kilometer bis zur ganz großen Runde. Seit 2025 krönt der ZUT100 das Programm, 164 Kilometer und mehr als 8.300 Höhenmeter, eine neue Dimension für den Sport in diesem Land.

Beeindruckend ist das ohne jede Frage, organisatorisch wie sportlich, und doch ist es eben auch das Gegenteil jener Handvoll Kilometer im Regen, mit der die meisten anfangen, denn die Anbindung an eine globale Weltserie standardisiert, was einmal eigenwillig und regional war. Wo überall dieselben Startbögen, dieselben Sponsorenwände und dieselben Qualifikationspunkte warten, verliert das einzelne Rennen genau die Kanten, für die man es einmal geliebt hat.

Den Kontrast dazu liefert Thüringen, wo beim 53. GutsMuths-Rennsteiglauf am 9. Mai 2026 ganze 18.489 Meldungen zu Buche standen, spürbar mehr als beim alpinen Prestigeprojekt, und trotzdem redet die internationale Szene kaum darüber. Knapp zwei Drittel der Starter gingen rund um Oberhof auf die Strecke, dazu Tausende beim Halbmarathon und ganze Wandergruppen aus der Ortsmitte.

Frank Merrbach gewann den Supermarathon über 74 Kilometer erneut, in 5:11:22 Stunden, und wollte danach vor allem eines, nämlich Bratwurst, Bier und tanzen. Marketing ist das keines. Das ist eine Kultur, die älter ist als der Begriff Trailrunning selbst, und sie erklärt, warum ein Rennen ganz ohne Weltserien-Logo trotzdem das bessere sein kann.

Entscheiden musst du dich also, was du eigentlich suchst. Willst du das Ranking, die aufwendig inszenierte Kulisse und das Ziel als Bühne für das nächste Foto, oder willst du die Strecke, die dich zwingt, für ein paar Stunden ganz allein mit dir selbst klarzukommen. Beides ist legitim, aber es ist nicht dasselbe, und die Branche tut gern so, als wäre es das. Genau hier liegt die halbe Wahrheit, die man ehrlicherweise zugeben muss. Ohne die großen, glänzenden Events gäbe es die 1,9 Millionen wahrscheinlich gar nicht, denn der Kommerz, den man so gern kritisiert, hat erst die Türen geöffnet, durch die alle hereingekommen sind, auch die Puristen.

Eine Grenze gibt es allerdings, an der diese ganze Debatte verstummt. Wer sich in die extremen Distanzen vorwagt, in die Nächte jenseits der hundert Kilometer, für den zählt weder Logo noch Ranking, sondern nur die nächste Verpflegungsstelle und der eigene Kopf. Was das mit einem Menschen macht, beschreibt das Porträt eines Ultraläufers eindringlicher als jede Ergebnisliste, und bezeichnenderweise verschwindet in solchen Berichten die Rede von Bestenlisten fast vollständig. Am äußersten Rand dieses Sports löst sich die gesamte Vermarktung wie von selbst auf, und übrig bleibt nur der Läufer und der Weg.

Dazwischen liegt der ganze Rest der Saison, der Dynafit Transalpine Run, der am 28. August 2026 über die Alpen aufbricht, dazu Dutzende regionaler Läufe, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Sie alle konkurrieren um dieselben Wochenenden, dieselben Startgelder und dieselbe knappe Aufmerksamkeit, und die Kleinen ziehen dabei fast immer den Kürzeren. Der Boom, der die Szene erst groß gemacht hat, droht am Ende ihre eigene Vielfalt einzuebnen, weil die Aufmerksamkeit sich um immer weniger Namen ballt. Und gerade diese unscheinbaren Läufe, mit selbst gekochter Verpflegung und einem Streckenposten, der jeden Starter beim Vornamen kennt, halten den Sport bodenständig, und sie sind es, die man in dieser Saison suchen sollte.

Die nächsten Bestenlisten entstehen schon jetzt, und ganz oben stehen wieder die größten Namen und die teuersten Kulissen. Die Rennen, die diesen Sport eigentlich ausmachen, die kleinen, störrischen, schlecht ausgeschilderten, tauchen darin nicht auf. Wer sie laufen will, muss sie aktiv suchen, gegen den Strom der Klickzahlen und Startgelder. Sie verschwinden sonst leise, während alle gebannt auf die Zugspitze schauen.

Foto: Pexels

17. August 2026

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