Gedanken zur Interviewreihe „Leben nach dem Sport“
Ausbrennen, neue Karriere, Form halten und Motivation neu finden
Wenn die Wettkämpfe seltener werden und die Anspannung des Spieltags fehlt, beginnt für viele ehemalige Profis ein anderer, oft unterschätzter Abschnitt: das Leben nach dem Sport. In der Interviewreihe „Leben nach dem Sport“ erzählen Athletinnen und Athleten, wie sie die Zeit nach der aktiven Karriere erleben – mit all ihren Brüchen, kleinen Siegen und neuen Routinen. Im Mittelpunkt stehen nicht nostalgische Rückblicke, sondern Fragen, die im Alltag plötzlich laut werden: Was bleibt von der alten Identität, wenn Training und Wettkampf wegfallen? Und wie fühlt sich Erfolg an, wenn niemand mehr mit stoppt?
Für die Redaktion ist die Serie ein langfristiges Projekt, das intern zeitweise unter dem Arbeitstitel spinfin casino lief – nicht als Hinweis auf ein Thema, sondern als zufällige Notiz aus der Planungsphase, die hängen blieb. Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Die Gespräche sollen Raum geben für Zwischentöne. Denn der Übergang aus dem Leistungssport ist selten ein sauberer Schnitt. Er ist eher ein Prozess, in dem der Körper langsamer wird, der Kopf aber erst lernen muss, dass Ruhe kein Versagen ist.
Wenn der Applaus verstummt: Burnout und Identitätsfragen
In vielen Interviews taucht ein gemeinsames Muster auf: Das Ende der Karriere ist nicht automatisch Erleichterung, sondern manchmal ein körperliches und mentales Nachbeben. Über Jahre war der Alltag durchgetaktet, Ziele waren eindeutig, Feedback kam sofort. Fällt dieses Gerüst wegfällt, kann ein Gefühl von Leere entstehen – oder eine Müdigkeit, die sich nicht „wegtrainieren“ lässt. Einige berichten, dass sie erst nach dem Rücktritt merken, wie lange sie über die Grenzen gegangen sind, ohne es als Warnsignal zu deuten.
Typische Hinweise, die in den Gesprächen immer wieder genannt werden, sind:
- anhaltende Erschöpfung trotz Schlaf und Pausen
- Reizbarkeit, innere Unruhe oder das Gefühl, „nichts mehr zu fühlen“
- Schlafprobleme, Grübelschleifen und Konzentrationsabfall
- körperliche Beschwerden ohne klare Ursache
- Verlust von Freude an Bewegung oder sozialer Rückzug
Die Interviewten betonen: Burnout ist kein Zeichen mangelnder Disziplin. Oft ist es die Kehrseite jahrelanger Hochleistung, in der Bedürfnisse regelmäßig hinten angestellt wurden. Hilfreich seien professionelle Begleitung, ein neuer Tagesrhythmus und das Erlauben von Übergangsphasen, in denen nicht sofort „das nächste große Ding“ entstehen muss.
Neue Karriere: Fähigkeiten übersetzen statt bei null anfangen
Ein zweiter Schwerpunkt der Reihe ist die berufliche Neuorientierung. Viele Ex-Profis unterschätzen zunächst, wie viel Know-how sie bereits mitbringen: Teamführung, Druckresistenz, Lernfähigkeit, strategisches Denken, Routine im Umgang mit Rückschlägen. Die Herausforderung liegt weniger im Können, sondern im Übersetzen dieser Kompetenzen in eine Sprache, die außerhalb des Sports verstanden wird. Manche finden ihren Platz im Coaching oder Management, andere starten in völlig neue Bereiche – vom Handwerk bis zur IT.
Aus den Gesprächen kristallisiert sich ein pragmatischer Fahrplan heraus:
- Bilanz ziehen: Welche Aufgaben im Sport haben Energie gegeben – welche nur Kraft gekostet?
- Kompetenzen greifbar machen: Erfolge als Projekte beschreiben (Planung, Umsetzung, Ergebnis), nicht nur als Medaillen.
- Netzwerk aktivieren: Ehemalige Teamkollegen, Sponsoren, Kontakte und Verbände können Brücken bauen.
- Testfelder schaffen: Praktika, Hospitationen oder Teilzeit Projekte helfen, neue Rollen realistisch zu erleben.
- Weiterbildung gezielt wählen: Nicht „alles lernen“, sondern Lücken schließen, die den Einstieg wirklich erleichtern.
Dabei wird klar: Eine neue Karriere ist selten eine lineare Erfolgsstory. Sie ist eher ein Mosaik aus Versuchen, Kurskorrekturen und Momenten, in denen sich das eigene Selbstbild neu sortiert.
Form halten ohne Leistungsdruck
Fast alle Interviewten sprechen auch über den Körper – nicht aus Eitelkeit, sondern weil Bewegung für sie Identität, Stabilität und Stressregulation bedeutet. Gleichzeitig ist da die Gefahr, den alten Leistungsmodus mitzuschleppen: zu hart, zu viel, zu kompromisslos. Viele finden erst über einen Perspektivwechsel eine gesunde Routine: Training als Pflege statt als Beweis. Statt ständiger Spitzenbelastung helfen abwechslungsreiche Einheiten, mehr Mobilität, saubere Technik und klar definierte Erholungstage. Wer früher „immer“ trainiert hat, lernt, dass weniger manchmal mehr ist – vor allem langfristig.
Auch Ernährung und Schlaf werden neu bewertet. Ohne Wettkampfgewicht und Saisonplanung verschieben sich Ziele: mehr Energie im Alltag, stabile Stimmung, weniger Verletzungsanfälligkeit. Einige berichten, dass sie erst nach der Karriere wieder ein normales Hunger-Sättigungsgefühl entwickeln – und dass das ein Fortschritt ist, kein Kontrollverlust.
Motivation neu finden: Sinn, Gemeinschaft, kleine Ziele
Die Serie zeigt, dass Motivation nach dem Sport selten aus einem einzigen großen Traum entsteht. Häufig kehrt sie zurück, wenn der Alltag wieder Bedeutung bekommt: durch neue Verantwortung, soziale Bindungen und Ziele, die zur aktuellen Lebensphase passen. Ehemalige Athleten setzen sich bewusst kleinere, messbare Vorhaben – nicht um sich zu beweisen, sondern um dranzubleiben. Ein Lauf ohne Zeitdruck, ein Kraftprogramm für den Rücken, ein regelmäßiger Termin mit Trainingspartners oder eine neue Sportart, bei der man wieder Anfänger sein darf.
Am Ende bleibt eine einfache, aber starke Erkenntnis: Das Leben nach dem Sport ist kein Abstieg, sondern ein Wechsel der Spielregeln. Wer akzeptiert, dass Übergänge Zeit brauchen, kann aus Disziplin Gelassenheit machen – und aus Leistungserfahrung eine neue, tragfähige Form von Selbstvertrauen.
Foto: Unsplash
14. Januar 2026