Menschen

Ein Einblick in die Welt eines Ultraläufers

Sebastian Schliwa

Oft werde ich gefragt, warum ich solch extreme Distanzen laufe, wenn doch schon ein Marathon für viele Menschen eine übertriebene Quälerei und Willensprobe darstellt. Ich sehe dies etwas anders. Ich bin nicht süchtig danach, mich zu quälen, sondern ich bin süchtig nach dem Leben, der Natur, den Menschen, der Bewegung und den Erfahrungen, die manch andere mitunter in ihrem ganzen Leben nicht machen. Daher bin ich auch glücklich und dankbar dafür, laufen zu können. Laufen hält mich körperlich und mental gesund und das Ausloten von Grenzen lässt mich immer weiter wachsen – es beeinflusst positiv meine Ausdauer und mein Selbstbewusstsein. Auf gewisse Weise wird mir dadurch auch bewusst, was im Leben wirklich zählt: Gesundheit, Freunde, Familie, am Leben sein. Daher teile ich die Freude am Laufen mit meiner Familie und Freunden und freue mich immer wieder, wenn Leute durch mich zum Laufen kommen, denn es kommt nicht darauf an wie schnell, wie weit oder wie viel man läuft, sondern das man läuft. Ultraläufer sind grundsätzlich Menschen wie du und ich. Menschen, die sich besondere Ziele gesteckt haben und den Weg zu diesen leben. Lange Laufdistanzen kann fast jeder schaffen. Auch in der „Szene“ haben alle mal klein angefangen und leben ansonsten ein normales bürgerliches Leben. Aber was uns alle eint, ist der Sport, der uns zu so etwas wie einer Familie macht. Außerdem ist ein Läufer ein Läufer, egal wie lange und weit man läuft, und deshalb gehört jeder dazu, der läuft und das sind mittlerweile sehr viele.

Mein Training

Aus Trainingssicht integriere ich meine Leidenschaft in mein Leben und laufe fast jeden Tag achtsam. Ich schaue aber auch auf vier Jahre Ultralauferfahrung zurück, sodass mein Körper bereits ein Stück weit daran gewöhnt ist. Für den ersten Marathon sollte man sich zwei Jahre Zeit nehmen und bis dahin langsame Schritte machen, doch wenn man danach dran bleibt, dann kann man weiter darauf aufbauen, auch wenn jeder Lauf über 60 Minuten eine Anstrengung bleibt. Man geht nur anders damit um und steckt sie besser weg. So laufe ich zur Vorbereitung vier bis fünf Tage pro Woche jeden Tag 20 km zur Arbeit hin und zurück, wo andere die Bahn oder das Auto nehmen. Dann laufe ich zu Freuden und Familie und nehme hier und da an Wettkämpfen oder Ultralaufevents teil, wie z.B. jüngst bei 661 km Goldsteig-Ultrarace, beim 118 km Malerweg-Nonstop-Lauf in der Sächsischen Schweiz oder beim 108 km Chojnik Karkonoski im Riesengebirge. Ich suche dazu die Höhenmeter auf den Strecken, um mich an diese zusätzliche Belastung zur Länge zu gewöhnen und ergänze mein Training mit Kampfsport, Yoga, Radfahren, Klettern, Kraftsport und Schwimmen, also allem was mir zusätzlich zum Laufen Spaß und Freude macht. Außerdem befinde ich mich in physiotherapeutischer Betreuung und versuche damit, Fehlentwicklungen durch falsche Haltung entgegen zu wirken. Nebenbei studiere ich noch andere Sportler, den Sport und deren Erfahrungen im positiven wie negativen Sinne, um mich damit darauf auch mental vorzubereiten.

Achtsamkeit und positives Denken

Zu den körperlichen Anstrengungen kommen auch sehr große psychische Belastungen hinzu, denn der Geist ist stets gefordert und am Lernen. Durch das ständige und stetige Laufen gibt es viele Erfolg und Misserfolge und bin darauf angelegt mit den Erfolgen zu wachsen und schnell aus den Misserfolgen zu lernen. Dies ist nicht einfach und braucht manchmal seine Zeit, bis die Dinge richtig geordnet und aneinander gefügt sind. Aber auch dies kann man trainieren, in dem man es zum Alltag werden lässt. So kann ich dies, was ich täglich tue, auch bei meinen Ultralaufprojekten wieder abrufen. Mit den gewonnenen Erfahrungen und dem Bewusstsein „es schon einmal geschafft zu haben“, kann man sich von Ultralauf zu Ultralauf weiterentwickeln. Je länger die Strecke, desto wichtiger ist es auch, mental im positiven Bereich zu bleiben. Dabei helfen positive Affirmationen wie „Heute rock ich das“, „Start-Laufen-Finishen“ oder „Mir geht’s gut, also tu ich es“. Mir persönlich hilft es, wenn ich beobachtet werde und Leute folgen, für die ich ein Vorbild sein möchte. Oft denke ich an Familie, Freunde, Alltagssituationen im Kontext zu dem, was ich tue. Ansonsten denke ich natürlich immer wieder an mein Ziel, das Gesamtziel und die Etappen, aber auch kleine Zwischenziele, wie den aktuellen An- oder Abstieg, den nächsten Verpflegungspunkt, Schlaf oder meine Ausrüstung. Oftmals muss man sich auch körperlichen Problemen widmen, so wie beim Goldsteig-Ultrarace meinem verstimmten Magen. Da fragt man sich dann, warum das so ist und was man dagegen tun kann und wie man jetzt im Moment am besten damit umgeht. Trotzdem werden die kreisenden Gedanken stets vom Erreichen des Ziels beherrscht.

Pflege des Körpers und der Seele

Ultralaufen ist per se keine körperfeindliche Schinderei, erfordert jedoch ein gesteigertes Bewusstsein für den Körper und seine Gesunderhaltung. Dies beginnt mit einer ausgewogenen, gesunden Lebensweise. In meinem Fall vegetarische Ernährung, Naturprodukte zur Körperreinigung und Pflege sowie notwendige Pausen und Entspannung. Dazu spielt aber auch eine gewisse Abhärtung eine große Rolle, da ich bereits seit meinem sechsten Lebensjahr kontinuierlich Sport treibe und mit Maß und Vernunft trainere. Dadurch - und in Kombination mit ergänzenden Sportarten - schafft man sich eine gesunde Basis, die einen trägt und am Laufen hält. Dazu ist aber auch Achtsamkeit ganz wichtig und man sollte immer auf seinen Körper hören und ihn ernstnehmen. Das heißt, wenn man merkt, die Belastung ist zu groß oder wenn es einem nicht gut geht, dann sollte man sich konsequent rausnehmen – so mache ich das zumindest. Ich bin vorsichtig und habe dafür ein klares Bewusstsein, sodass ich bisher ohne große Blessuren durch mein Training und meine Abenteuer gekommen bin.

Vom Extremen in den Alltag

Neben dem Warum werde ich auch oft gefragt, ob man aus dem Ultralauf auch für den Alltag oder andere Sportarten lernen kann. Auf jeden Fall. Vor allem Zielstrebigkeit – sich ein klares Ziel zu stecken, einen Plan zu Erfüllung zu machen und diesen achtsam zu verfolgen. Sich dabei aber auch immer bewusst zu sein, dass der Weg keine Gerade ist, sondern das Berge auf der Strecke liegen und man manchmal einen Umweg gehen muss, um zum Ziel zu gelangen. Entweder, weil es den gedachten Weg gar nicht gab, einem ein Hindernis in den Weg gelegt wurde oder man schlicht und einfach falsch abgebogen ist, also einen Fehler gemacht hat. Doch das Wichtigste ist und bleibt immer das Ziel und das man in Bewegung bleibt. Dass man auf dem Weg dahin lernen muss, zu verlieren und zu siegen – im Großen wie im Kleinen, immer wieder, egal was passiert. Man muss einfach immer weiter machen, achtsam mit sich und seiner Umwelt sein, dann wird man seine Ziele erreichen, egal ob im Sport, im Beruf oder im Privaten.

Autoreninfo

Sebastian Schliwa stieg als 12-Jähriger erstmals in seine „Adidas Marathon“ ist seit dem Läufer aus Leidenschaft. 2012 lief er seinen ersten Ultralauf. Im Folgejahr lief er von Dresden nach Eisenach und anschließend den Rennsteig-Supermarathon. Im selben Jahr lief er von in sieben Tagen 526 km von Fellbach nach Meißen. Seine größte Herausforderung war der Goldtsteig-Ultrarace 2016, bei dem er in acht Tagen 612 km und 20.000 Höhenmeter bewältigte. Der gebürtige Meißner, der aus Überzeugung keinen Führerschein besitzt engagiert sich karitativ für die Krebshilfe und die Refugee-Lauftreffs. Zum Jahreswechsel plant der 33-Jährige die Organisation von Vorträgen über das Leben und Laufen und die Verbindungen daraus. In Ergänzung dazu ist ein Buchprojekt geplant, dass Sebastian Schliwa voraussichtlich Anfang 2017 fertig stellen wird.

Foto: Privat

25. Januar 2017

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