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Interview: Christiane Reppe

Christiane Reppe

Als Schwimmerin war sie ein Ass und konnte bei zwei paralympischen Spielen eine Medaille erringen. Danach sollte eigentlich Schluss sein, aber die gebürtige Dresdnerin wollte es noch einmal wissen und begann eine neue leistungssportliche Karriere auf dem Handbike. Im aktuellen PULSTREIBER-Interview verrät sie uns, wie sie diese Umstellung schaffen konnte, wie sie Olympiasiegerin wurde, welche Anforderungen ihr Sport stellt, was die Spiele ihr bedeuten und auf welche skurrile Weise ihre hart erkämpfte Goldmedaille in fremde Hände geriet.

Durch einen bösartigen Nerventumor hast du als Fünfjährige dein rechtes Bein verloren. Hast du das in diesem Alter als Behinderung empfunden oder dich schnell in die neue Welt eingefunden?
Ich kam von Anfang an sehr gut mit meiner Behinderung klar. Meine Freunde und Familie standen immer hinter mir. Ich denke, dass ich auch schon von Kindesbein an ein positiv denkender Mensch war und immer versucht habe, das Beste aus allem zu machen. Außerdem bin ich der Meinung, dass man immer an das denken sollte, was man kann und nicht, was man nicht mehr kann!

Konntest du danach überhaupt Sport treiben? Warum hast du dich später nicht für etwas interessiert, bei dem körperliche Einschränkungen keine Rolle spielen wie z.B. Schach?
Im Schulsport konnte ich einige Dinge mitmachen, andere nicht. Teilweise wurde ich freigestellt, um zum Schwimmtraining gehen zu können. Die Trainer dort haben mich dann bewertet. Warum sollte man es davon abhängig machen, ob man eine Behinderung hat, um Sport zu treiben. Gegenfrage: Würdest du einem Nichtbehinderten-Sportler diese Frage fragen?

Wie bist du vom Schwimmen zum Handbike gekommen?
Ich habe nach meiner 13 Jährigen Schwimmkarriere den Sport ganz an den Nagel hängen wollen. Nach einem Jahr Pause habe ich mich zurück in den Sport gesehnt. Das Handbiken war mir bereits bekannt und ich habe mich informiert, ob es für mich dort eine Startklasse gibt.

Warst du schon immer leistungssportlich orientiert?
Auf alle Fälle.

Wie kann man es überhaupt schaffen, in zwei Sportarten mehr als 16 Jahre lang zur Weltspitze zu gehören?
Ich war 13 Jahre lang Schwimmerin im leistungssportlichen Bereich und habe dann nach einem Jahr Pause mit dem Handbiken angefangen. Dort ging es für mich recht schnell, weil ich mir bereits im Schwimmen eine gute Grundlage erarbeitet hatte. Als Schwimmer hat man einen ziemlich straffen Zeitplan, denn es wartet täglich sehr viel Training. In Spitzenzeiten trainierte ich bis zu sieben Stunden am Tag. Das war anfangs beim Handbiken ein großer Vorteil, denn ich brachte durch das Krafttraining viel Armkraft mit ein.

Christiane Reppe

Was ist das Besondere am Handbiken?
Das Handbike ist ein flach über dem Boden fahrendes Liegebike, bei dem ich mit meinen Armen kurble, anstatt mit den Beinen zu treten. Rahmen und Gabel sind an einer Stelle verbunden, so dass ich über die Gabel lenke. Die Füße liegen in einer Fußraste vor der Gabel. Das Besondere am Handbiken ist für mich, dass es ein Sport ist, den ich draußen ausüben kann. Außerdem ist man die meiste Zeit schnell unterwegs, was es für mich sehr attraktiv macht. In Straßenrennen geht es viel um Taktik und darum, meine Konkurrenten genau zu beobachten. Vorausschauendes Fahren kann nicht jeder. Du musst deine Konkurrenz lesen lernen. Des Weiteren musst du fähig sein, schnell zu reagieren und den eventuell vorgefertigten Rennplan schnell anzupassen.

Wo kann man überhaupt mit dem Handbike trainieren?
Ich trainiere meist auf der Landstraße. Leider sind die meisten Fahrradwege zu überfüllt mit Fußgängern und Inlineskatern, um gut trainieren zu können. Vereinzelt trainiere ich auch in der Höhenkammer. Das ist neben dem Rollentraining das einzige Indoor-Training. Auf der Bahn haben wir Handbiker keine Wettkämpfe.

Hast du dich auch schon in anderen Sportarten versucht?
Ja, ich habe schon andere Sportarten ausprobiert, aber mehr aus Spaß. Ich habe nicht vor die Sportart zu wechseln.

2016 hast du bei den Paralympics Gold geholt. Hast du als erfahrene „Paralympianerin“ deine Ziele bereits im Vorfeld so hoch angesetzt?
Nun, als mehrfache Weltmeisterin war mir durchaus bewusst, dass meine Chancen, bei den Paralympics den Titel zu holen, groß sind. Allerdings war von außen der Druck auch höher, denn die Meisten haben eine Gold-Medaille erwartet. Ich bin jedoch der Meinung, dass man nie mit Medaillen rechnen kann. Bis zum Ende war ich mir während des Rennens nicht sicher, ob ich es schaffe, Gold zu holen, denn das Rennen war das härteste meiner Handbike-Karriere.

In den Medien wurde berichtet, dass dir deine Medaille bei einer Pressekonferenz gestohlen wurde. Das muss ein Witz sein, oder?
Das ist leider kein Witz! Die Medaille wurde mir in Berlin aus meiner Tasche entwendet. Leider ist sie bisher auch nicht wieder aufgetaucht. Ich versuche aber gerade gemeinsam mit meinem Verband eine Neue zu bekommen. Dies braucht jedoch ein wenig Zeit und die Erfolgschancen sind gering.

Christiane Reppe

Bist du mit der Wahrnehmung der Paralympics in der Öffentlichkeit zufrieden?
Naja, es kann immer noch mehr werden. Man merkt, dass es aller vier Jahre ein wenig mehr Aufmerksamkeit seitens der Medien gibt. Doch diese ist nach dem Höhepunkt schnell verpufft und über Weltmeisterschaften berichten die Medien nur selten.

Du kennst sicherlich den Kroaten Nick Vujicic, der ohne Beine und Arme auf die Welt gekommen ist und nun Motivationsseminare hält. Hast du selbst schon einmal Fälle erlebt, in denen du Menschen motivieren konntest, die durch Unfall oder Krankheit plötzlich tragische Einschränkungen erfahren haben?
Natürlich. Mir ist durchaus bewusst, dass ich für viele Menschen - ob mit oder ohne Behinderung - ein Vorbild bin. Manchmal ist es mir unangenehm, denn ich bin auch nur ein Mensch, der sein Leben lebt. Doch dadurch, dass man mehr oder weniger in der Öffentlichkeit steht, muss man damit klar kommen. Bei Veranstaltungen, wie einer Messe bin ich z.B. als Botschafterin tätig. In dieser Situation habe ich immer beide Augen weit offen und suche nach Nachwuchs für unseren Sport.

Darf man von dir noch eine Olympiateilnahme erwarten?
Dies wäre dann meine Fünfte. Ja, ich denke, dass kann man von mir erwarten. Ich bin mir sicher, die Paralympics in Tokyo werden ganz tolle Spiele, an denen ich gern teilnehmen möchte.

Du hast bisher eine wahnsinnig erfolgreiche Karriere hinter dir und es geht offenbar noch weiter. Kannst du uns sagen, wie der Sport dein Leben verändert hat?
Was der Leistungssport in meinem Leben verändert hat, weiß ich nicht, denn ich bin damit groß geworden. Ich kenne mein Leben also nicht anders. Aber ich bin mir sicher, es war und ist MEIN Weg, der richtige Weg.

Fotos: Privat, Sunrise Medical, Roger Günther

 

06. Februar 2017

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